Crowdfunding: Schwärmen mit Maß und Ziel

17. März 2015, 09:00
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Crowdfunding ist en vogue, aber kein Allheilmittel. Nur ein kleiner Kreis an Newcomern ist in der jungen Szene gut aufgehoben

Frage: Was spricht gegen den guten alten Bankkredit?

Antwort: Nichts, außer dass es ihn nicht gibt. Zumindest nicht für die Gründung und den Aufbau neuer Betriebe. Seit Banken im Zuge von Basel III schärferen Kapitalregeln ausgesetzt sind, bleiben vor allem Jungunternehmern konventionelle Geldquellen vielfach verwehrt.

Frage: Crowdfunding ist der finanzielle Rettungsanker?

Antwort: Nein. Aber es ist eine von vielen Finanzierungsalternativen.

Frage: Wie funktioniert es?

Antwort: Viele Investoren machen mit zahlreichen kleinen Geldbeträgen aus einer Idee ein Geschäft. Geht es schief, ist das Risiko des einzelnen Investors verhältnismäßig gering. Geldgeber und Idee finden meist über Online-Plattformen zueinander. Hier werden Firmenpläne vorgestellt und um Kapital geworben. Rasch zeigt sich, ob der Funke einer Geschäftsidee auf die Konsumenten überspringt.

Frage: Wer hat es erfunden?

Antwort: Die Idee ist einer Genossenschaft nicht unähnlich - Raiffeisen lässt grüßen. Lieber sieht die Szene ihre Väter in den USA. Das Geldeinsammeln über die Crowd ließ Musikalben ebenso wahr werden wie manche Sportlerkarriere und Start-ups. Zu den Pionieren zählen die Plattformen Indiegogo und Kickstarter.

Frage: Wer holte die Schwarmfinanzierung nach Österreich?

Antwort: Seit sich der Finanzrebell Heini Staudinger ein Duell mit der Finanzmarktaufsicht lieferte, ist der Begriff salonfähig. Privatpersonen haben dem Waldviertler in Summe 2,8 Millionen Euro geliehen mit der Aussicht auf vier Prozent Zinsen. Die FMA sprach von illegalen Bankgeschäften, was ei- ne Grundsatzdebatte über finanzielle Autonomie und Konsumentenschutz entfachte.

Frage: Für wen eignet sie sich?

Antwort: Crowdfunding ist kein Allheilmittel und keineswegs kostengünstig, da zusätzlich zu klassischen Finanzierungskosten Gebühren für die Vermittlungsplattform zu berappen sind, gibt Investor Werner Wutscher zu bedenken. Gut aufgehoben in der jungen Szene ist, wer sich mit leicht verständlichen Ideen an breites Publikum richten kann. Mit Grundlagenforschung oder hochkomplexen technischen Projekten ist man anderswo besser bedient.

Frage: Das Profil des typischen Investors?

Antwort: Der klassische Geldgeber ist männlich, über 40, Besserverdiener, vielfach mit unternehmerischer Erfahrung und macht zwischen 5000 und 50.000 Euro locker. Treue Liebhaber des Sparbuchs sind eher die Ausnahme.

Frage: Welches Risiko gehen Geldgeber im Schwarm ein?

Antwort: Das Risiko einer Pleite des Start-ups etwa. Dann droht der Totalverlust der Einlage.

Frage: Was kriegen sie für ihr Geld?

Antwort: Meist Zinsen, mitunter andere Formen der Anerkennung. So dürfen etwa Geldgeber das Ergebnis ihres Investments als Erste nutzen. Manche Gründer bieten via Genussschein auch Unternehmensbeteiligungen. Mitspracherecht gibt es in der Regel keines.

Frage: Wie viel wurde hierzulande in Crowdfunding bereits investiert?

Antwort: Wenig. Nur 3,6 Millionen Euro sollen in Österreich 2014 in Summe ins Crowdfunding geflossen sein, das sind 40 Cent pro Kopf. Schnitt in Europa sind fünf Euro, erhob Berater Ernst&Young.

Frage: Welche Länder sind voraus?

Antwort: Großbritannien zählt zu den größten Märkten für alternative Finanzierung. Pro Kopf stellen die Briten im Jahr 36 Euro für den Schwarm zur Verfügung.

Frage: Welche Vorbehalte gibt es?

Antwort: Die Story eines angehenden Unternehmers mag vielversprechend sein, das Geschäftsmodell ist es oft nicht. Die Arbeiterkammer warnt vor spärlichen Infos für Anleger, hohen Verlustrisiken und Transaktionskosten.

Frage: Wie sieht es mit rechtlichen Rahmenbedingungen aus?

Antwort: Sie fehlen nach wie vor. Die Politik konnte sich aller Versprechen zum Trotz bisher nicht auf einheitliche Regeln einigen.

Frage: Welche Vorschläge gibt es?

Antwort: Kleinanlegerschützer wie Wilhelm Rasinger erwarten sich eine Mindestinformation: geprüfte Jahresabschlüsse, Details über die Verwendung des Geldes und Risikohinweise. Die Arbeiterkammer verlangt neben einheitlichen Informationsstandards auch eine Registrierung durch Aufsichtsbehörden. Die Grünen plädieren dafür, den Betrag, der in Crowdfunding investiert werden darf, zu beschränken.

Frage: Woran spießt es sich?

Antwort: Projekte, die mit mehr als 250.000 Euro finanziert werden, erfordern in Österreich eine ausführliche kostspielige Infopflicht. Die EU setzt diese Grenze erst ab fünf Millionen Euro an. Die Grünen halten eine Prospektpflicht ab drei Millionen Euro für sinnvoll, die Neos ab fünf Millionen. Die Arbeiterkammer will die bisherige Grenze nicht aufweichen.

Frage: Was wurde aus Heini Staudingers Kampf gegen die FMA?

Antwort: Der streitbare Schuhmacher hat seine Finanzierung legalisiert, indem er auf Nachrangdarlehen umsattelte. Im Fall einer Pleite benachteiligen sie Anleger gegenüber anderen Gläubigern. (FRAGE & ANTWORT: Verena Kainrath, DER STANDARD, 13.3.2015)

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