"Aktienkultur einer Industrienation unwürdig"

Interview18. März 2015, 09:00
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Wien ist zwar ein kleiner Markt, bietet aber gute Chancen, sagt Alois Wögerbauer, Chef von 3 Banken Generali Investment

STANDARD: Was reizt Sie am heimischen Aktienmarkt, der doch recht überschaubar ist?

Wögerbauer: Der heimische Markt ist Teil unseres Investmentuniversums. Wir agieren nicht patriotisch, aber dieser Markt ist Teil unserer Welt. Viele Anleger sehen es zudem gerne, wenn ein Teil ihres Geldes in der näheren Umgebung investiert wird und nicht alles in die große weite Welt fließt. Wir bewerten Österreich aber nicht anders als den Rest der Welt. Je nach Mandat haben wir fünf bis zehn Prozent unserer Aktienbestände in Österreich investiert. Vergleicht man das mit dem Weltindex, so ist das viel. Wenn alle anderen KAGs in Österreich das auch so machen würden, wäre der ATX wahrscheinlich mindestens tausend Punkte höher.

STANDARD: Ist Ihnen das heimische Umfeld groß genug?

Wögerbauer: Bei den Branchen gibt es eine Einschränkung. Defensive Segmente wie die Bereiche Nahrung und Gesundheit fehlen. Die Konjunktur, die Bankenlandschaft und die Lage in Osteuropa schlagen immer voll auf den heimischen Markt durch. Stabilisierende Elemente wie etwa in der Schweiz eine Nestlé oder Novartis fehlen, und das ist schade.

STANDARD: Die Liquidität am Wiener Markt ist gering. Hindert das internationale Investoren?

Wögerbauer: Das ist eigentlich das Kernproblem in Wien. Es ist nicht so, dass österreichische Unternehmen besser oder schlechter arbeiten als andere. Die Kernherausforderung ist die Liquidität, denn es gibt schon Fondsmanager aus dem Ausland, die gerne den einen oder anderen Titel kaufen wollen, deren Fonds aber einfach zu groß ist.

STANDARD: Wie sind österreichische Aktien im Moment bewertet?

Wögerbauer: Wenn man es mit dem globalen Umfeld vergleicht, ist die Bewertung definitiv günstig. Wir haben einige Unternehmen, die am Buchwert oder darunter notieren. Österreich wird aber - vor allem von angelsächsischen Investoren - oft zu Osteuropa gezählt, was dazu führt, dass die Wiener Börse derzeit einen Osteuropa-Abschlag hat.

STANDARD: Nach welchen Kriterien selektieren Sie Titel für den Fonds?

Wögerbauer: Die Kriterien sind klassisch traditionell, wir betreiben Stockpicking in Reinkultur. Man muss das Geschäftsmodell des Unternehmens verstehen, dann schauen wir uns die klassischen Bewertungskennzahlen wie Buchwert und Cashflow an.

STANDARD: Wie sieht die aktuelle Zusammensetzung aus?

Wögerbauer: Wir haben drei Blöcke: Innovationen wie FACC oder AT&S. In den vergangenen Jahren waren wir chronisch untergewichtet bei Bankaktien. Das wurde zuletzt schrittweise abgebaut. Erste Bank und Raiffeisen haben wir wieder dabei, weil ich glaube, dass die Talsohle durchschritten ist. Die Erste Bank hat die Bilanz ausgeräumt, und Raiffeisen hat die Karten auf den Tisch gelegt. Das Umfeld für Banken bleibt noch schwierig, aber das Schlimmste liegt hinter uns. Der dritte Block sind Immo-Aktien, die sich Niveaus nähern, auf denen man auch Gewinne mitnehmen kann.

STANDARD: Österreich hat mit dem Hypo-Sondergesetz auch die Spielregeln für Investoren geändert. Wie wirkt sich das auf das Umfeld für Investoren aus?

Wögerbauer: Geholfen hat es sicher nicht. Ob es ein nachhaltiger Schaden ist, weiß ich noch nicht. Wenn man Spielregeln im Nachhinein ändert, kommt das freilich nie gut an. Wenn es ein großer Schaden gewesen wäre, hätten wir eine Reaktion am Markt gesehen. Die gab es aber nicht. Es entsteht aber schon der Eindruck, dass man es sich in Österreich richtet und eine Landeshaftung doch nicht so viel wert ist, wie wir geglaubt haben.

STANDARD: Sehen Sie als aktiver Fondsmanager eine Konkurrenz in passiven Instrumenten wie ETFs?

Wögerbauer: Da bin ich wirklich super entspannt. Es ist so viel Geld da, und es besteht so viel Anlagebedarf, dass alle davon gut leben können. Beides hat seine Berechtigung und seinen Platz.

STANDARD: Wenn so viel Geld da ist, warum legen Private nicht mehr Geld an der Börse an?

Wögerbauer: Das liegt daran, dass wir eine Aktienkultur haben, die auch politisch geprägt ist, und die einer Industrienation echt unwürdig ist. Aktien werden - auch von der Regierung - reflexartig als Spekulation bezeichnet. Tatsächlich ist es aber eine Sachwertbeteiligung. Und wir haben ein Bildungsproblem. In den Schulen wird keine Aktienkultur geprägt. Die Bedeutung von wirtschaftlichen Zusammenhängen wird vom Österreicher unterschätzt. Dieses Wissensdefizit wird, politisch geschürt, zu einem Wahrnehmungsdefizit. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 13.3.2015)

Alois Wögerbauer ist Geschäftsführer der 3 Banken Generali Investment KAG. Er verantwortet den "3 Banken Österreich Fonds", der von Morningstar als bester Österreich-Aktienfonds ausgezeichnet wurde.

  • Im globalen Umfeld sind die Aktien an der Wiener Börse derzeit günstig bewertet. Wegen der geringen Liquidität blicken aber nur wenige internationale Großinvestoren auf das Wiener Parkett.
    foto: reuters/bader

    Im globalen Umfeld sind die Aktien an der Wiener Börse derzeit günstig bewertet. Wegen der geringen Liquidität blicken aber nur wenige internationale Großinvestoren auf das Wiener Parkett.

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