Likud wird vor Israel-Wahl zuehmend nervös

13. März 2015, 05:30
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Benjamin Netanjahus Partei gerät vor der Wahl am Dienstag mehr und mehr ins Hintertreffen

"Wir sind nicht deprimiert", treibt Minister Gilad Erdan bei einer Wahlversammlung in Netania rund 200 Likud-Anhänger zu letzten Anstrengungen an: "Am kommenden Dienstag bringen wir noch einen Wähler und noch einen, und so beschützen wir Israel." Die Partei von Premier Benjamin Netanjahu ist angesichts einer langsamen, aber stetigen Talfahrt in den Umfragen von Nervosität erfasst und hat in einen höheren Gang geschaltet.

Bisher war Netanjahu ganz sicher gewesen, dass nur er die nächste Regierung bilden kann, war bloß um Fehlervermeidung bemüht und war Interviews und der Begegnung mit dem Wahlvolk ausgewichen. Nun taucht Netanjahu plötzlich auf Märkten, in Parteifilialen und bei Kundgebungen auf, um sein Stammpublikum mit einer Alarmbotschaft aufzurütteln, die allerdings nicht neu ist: "Entweder die Linke oder wir!"

Kleiner Vorsprung für die Opposition

Der konservative Likud hält wenige Tage vor der Wahl am 17. März bei nur 20 bis 21 der 120 Mandate; das Zionistische Lager, ein von der Arbeiterpartei angeführtes linksliberales Bündnis, ist auf rund 24 geklettert – ein kleiner, aber stabiler und vielleicht bedeutsamer Vorsprung.

Am Ende kommt es zwar darauf an, wer eine Koalition zusammenkratzen kann, und da schaut es für Yitzhak Herzog, den Chef der Ar beiterpartei, noch immer schlecht aus: Denn die Rechten und Religiösen sind zusammen nach wie vor deutlich stärker als die Mitte-links-Gruppierungen. Aber Herzog kämpft verbissen darum, dass alle Netanjahu-Verdrossenen nicht etwa eine andere Linkspartei wählen: "Die israelische Öffentlichkeit hat nur eine Wahl", predigt Herzog, "wer Netanjahu ablösen will, muss für das Zionistische Lager stimmen."

Softie gegen starken Mann

Während Herzog eine "Wende für das israelische Volk" verspricht, aber mit seinem Image als "Softie" zu kämpfen hat, versucht Netanjahu bei seinen Auftritten zu den Themen hinzulenken, bei denen er sich stark fühlt: "Um uns herum brechen Staaten auseinander unter dem Druck des radikalen Islam – im Unterschied zu anderen Ländern haben wir es geschafft, unsere Sicherheit zu gewährleisten." Trotz der giftigen Angriffe gilt es als wahrscheinlich, dass Likud und Arbeiterpartei schließlich in einer großen Koalition zusammenarbeiten werden; einfach deswegen, weil es keine Alternative geben wird.

Wenn Herzog ohne Netanjahu auskommen wollte, müsste er etwa den rechten Noch-Außenminister Avigdor Lieberman an Bord holen, der aber kaum mit der ganz linken Meretz-Partei an einem Tisch sitzen kann. Lieberman ist zuletzt durch den Aufruf aufgefallen, dem "arabischen Terror" mit Todesstrafen zu begegnen. Die Verschärfung seines Tons dürfte damit zu tun haben, dass seine Partei "Unser Heim Israel" auf fünf Mandate abgestürzt ist und vielleicht sogar den Sprung ins Parlament verpasst. (Ben Segenreich aus Tel Aviv, DER STANDARD, 13.3.2015)

  • Herzog oder doch Netanjahu? Diese elektronische Reklametafel in Tel Aviv zeigt  abwechselnd  beide Kandidaten.
    foto: reuters / baz ratner

    Herzog oder doch Netanjahu? Diese elektronische Reklametafel in Tel Aviv zeigt abwechselnd beide Kandidaten.

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