Stiftungen statt Geld für Griechen

12. März 2015, 16:20
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Holocaust-Opfer in den USA erhielten Geld, Griechenland mittlerweile vier Stiftungen

Athen – 115 Millionen D-Mark hat die Bundesrepublik Deutschland einmal dem griechischen Staat als Wiedergutmachung für die Opfer der nationalsozialistischen Besatzung gezahlt. Das Königreich Griechenland erklärte damals, 1960, die Reparationsfrage für erledigt. Doch so einfach fanden es die Griechen und ihre Politiker später dann doch nicht.

Jedes Jahr wird mehrmals im Land in den über 100 "Märtyrer-Dörfern" der Gewalttaten der deutschen Wehrmacht gedacht: 281 Bewohner des Dorfes Distomo in der Nähe von Delphi wurden 1944 erschossen, darunter Frauen und Kinder; 650 waren es in Kalavitra, 317 in Komeno, 83 in Lyngiades, Tausende auf Kreta. Die Besatzungstruppen löschten zudem die jüdische Gemeinschaft in Griechenland aus. Der Oberleutnant Kurt Waldheim, der unter anderem in Nordgriechenland stationiert war, wusste zumindest von den Deportationen der Juden in Saloniki und von den griechischen Inseln.

Friedensvertrag

Eine abschließende Regelung der Reparationsfragen könne es erst mit der Wiederherstellung der deutschen Einheit und einem Friedensvertrag geben, lautete das Argument der bundesdeutschen Regierung. Im September 1990, kurz vor der offiziellen Wiedervereinigung, schlossen die Bundesrepublik, die DDR und die früheren Besatzungsmächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich den sogenannten Zwei-plus-vier-Vertrag ab. Doch der Begriff "Reparationen" tauchte im Vertragstext auf Drängen der bundesdeutschen Regierung nicht auf.

Jetzt hieß es: Der Vertrag drücke den Friedenscharakter des vereinigten Deutschland aus, ein Friedensvertrag zur offiziellen Beendigung des Zweiten Weltkriegs sei deshalb nicht notwendig; Ansprüche auf Reparationen gebe es somit auch nicht mehr. Und Griechenland, ebenso wie die anderen europäischen Staaten, hätte den Zwei-plus-vier-Vertrag ja mit der Charta von Paris im November 1990 anerkannt.

Entschädigungen

In der politischen Praxis erwies sich diese Rechtskonstruktion als nicht so wasserdicht. Die US-Regierung und Lobbyvereine der Holocaust-Hinterbliebenen in den USA drängten den deutschen Staat mehrmals mit Erfolg zu Entschädigungszahlungen. Der "Article 2 Fund" etwa stützte sich sogar auf den Zwei-plus-vier-Vertrag. 1995 folgte ein Abkommen zur Entschädigung von US-Bürgern, die Opfer der Nazi-Herrschaft waren. In Verhandlungen mit der Jewish Claims Conference akzeptierte Deutschland zuletzt noch Zahlungen von 772 Millionen Euro für die Pflege von Holocaust-Überlebenden.

Griechenland gegenüber schlug der deutsche Staat eine andere Strategie ein. Weil das Thema der Reparationsforderungen für die Besatzungszeit weiter im Raum blieb und von Regierungen der Pasok wie der Nea Dimokratia immer wieder auf die Agenda gesetzt wurde – es ist keinesfalls nur eine "Erfindung" der nun regierenden radikalen Linken und der mit ihnen verbündeten Rechtspopulisten –, begann Berlin eine Stiftung nach der anderen ins Leben zu rufen:

  • Deutsch-Griechische Partnerschaft (DGP) 2010, die Zusammenarbeit in der Forschung, bei kleinen und mittleren Unternehmen oder in der Bildung umfasst;
  • die Deutsch-Griechische Versammlung (DGV) als ein Forum für die kommunale Zusammenarbeit, eben wegen der Massaker in den griechischen Dörfern;
  • der Deutsch-Griechische Zukunftsfonds und
  • das Deutsch-Griechische Jugendwerk 2014.

Kommt es zumindest zu einer Einigung über den Zwangskredit von 1942, den das Deutsche Reich damals Griechenland abpresste und für den Griechenland heute elf Milliarden Euro verlangt, so dürfte die Entschädigung wohl in einen dieser Fonds oder in neue zwischenstaatliche Einrichtung fließen, glauben Historiker und politische Beobachter beider Staaten. (Markus Bernath aus Athen, derStandard.at, 12.3.2015)

  • Der griechische Premier Alexis Tsipras legt sich wegen seiner Meinung nach nie ausreichend erfolgter Reparationszahlungen mit Deutschland an.
    foto: ap/giannakouris

    Der griechische Premier Alexis Tsipras legt sich wegen seiner Meinung nach nie ausreichend erfolgter Reparationszahlungen mit Deutschland an.

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