"Ori and the Blind Forest" im Test: Ein spielbares Kunstwerk

Rezension13. März 2015, 09:38
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Der Plattformer überzeugt mit stilsicherer Präsentation und fordernden Aufgaben

Mit "Ori and the Blind Forest" hat das internationale Team der Spieleschmiede Moon Studios um den Wiener Thomas Mahler ein Fest für die Sinne geschaffen. Die vierjährige Entwicklungszeit sieht man dem Werk an, das sich in der Tradition der Metroidvania-Games eine heute nur noch selten bespielte Nische ausgesucht hat, die ihren Schwerkpunkt zwischen Plattforming und Action-Adventure legt.

Von der Grafik über die Steuerung bis zur Musik sind alle Elemente mit Hingabe und Liebe zum Detail gestaltet worden. Dass man beim Gameplay auf Nummer sicher geht und keine bemerkenswerten Innovationen mit sich bringt, schmälert die Besonderheit dieser Fantasiewelt zumindest für Fans des Genres nicht.

Inspiration Zeichentrick

Schon der Einstieg erinnert an Disney-Zeichentrickfilme oder die berühmten Animes von Hayao Miyazakis Studio Ghibli. Das kleine Lichtwesen Ori wird von seiner Familie getrennt und von dem bärenartigen Wesen Naru aufgenommen, das fortan als Mutterersatz für das kleine weiße Findelkind dient. Im spielbaren Intro baut man schnelle eine Bindung zu den zwei liebenswerten Figuren auf, was die folgenden Ereignisse noch erschütternder macht. Durch höchst traurige Umstände findet sich Ori bald abermals alleine und verlassen in einer Umgebung wieder, über die sich die Dunkelheit gelegt hat. Das Wasser ist schmutzig, die Tiere von Plagen befallen und die einst schöne Landschaft ist mit Dornen überwuchert. Es liegt an Ori, das Licht zurückzubringen und den Wald zu retten.

screenshot: ori and the blind forest
screenshot: ori and the blind forest

Lernprozess

Zunächst ist Ori schwach, hat wenig Lebensenergie und kann sich nicht verteidigen. Doch nach und nach erlernt sie neue Fähigkeiten, die sie stärker machen und Gebiete eröffnen, die zuvor nicht zugänglich waren. Die große, ohne Ladezeiten durchquerbare Spielwelt ist gespickt mit geheimen Kammern und verborgenen Wegen, die zusätzliche Erfahrungspunkte oder andere Geheimnisse bergen. Erreichbar sind diese oft erst nach dem Erlernen einer bestimmten Fertigkeit die es ermöglicht, diverse Hindernisse zu überwinden. Das kann die Fähigkeit zu klettern sein oder eine Feder, mit deren Hilfe Ori durch die Luft gleiten kann.

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screenshot: ori and the blind forest

Keine Gnade

Auch wenn der Einstieg suggeriert, dass sich das Spiel vorrangig auf die Handlung konzentriert und kaum Herausforderung bietet, ist "Ori and the Blind Forest" ein relativ schweres Spiel. Um die aus Abgründen, Dornen und fiesen Gegnern bestehenden Hindernisse zu überwinden, muss jeder Sprung perfekt sitzen. Sterben ist ein Teil der Spielerfahrung und so prominent, dass die Zahl der virtuellen Tode sogar im Pause-Menü angezeigt wird. Aufgrund des hohen Schwierigkeitsgrades ist es wichtig, regelmäßig manuell zu speichern. Das ist jederzeit und fast überall möglich, kostet allerdings Energie, die auch für mächtige Angriffe benutzt werden muss. Kluge Vorausplanung ist also essentiell, um den Fortschrittsverlust beim Ableben zu minimieren.

screenshot: ori and the blind forest
screenshot: ori and the blind forest

Präzision

Statt auf große Bosskämpfe setzten die Entwickler auf fordernde Fluchtszenarien unter Zeitdruck. Verfolgt von Lava, Wasser oder kollabierenden Gesteinsstrukturen gilt es, die erlernten Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Der fiese Haken an diesen Sequenzen ist, dass die Möglichkeit zu Speichern ausgesetzt wird und derselbe Abschnitt somit in einem perfekten, durchgehenden Lauf bewältigt werden muss. Der präzisen Steuerung ist es zu verdanken, dass man sich das Scheitern nur seinem eigenen Nichtvermögen zuschreiben darf.

Obwohl der Fokus klar auf der geschickten Navigation durch zahlreiche Todesfallen liegt, kann Ori Feinden Energiesalven entgegensetzen, die durch einen simplen Tastendruck abgefeuert werden und automatisch ihr Ziel finden. Einfach ist die Bekämpfung von Gegnern deshalb allerdings nicht. Der Angriffsradius ist relativ klein und die Kontrahenten schießen ihrerseits mit gefährlichen Projektilen. Dadurch ergibt sich eine Dynamik aus vorsichtigem Herantasten, Angriff und schnellem Rückzug, um nicht getroffen zu werden.

screenshot: ori and the blind forest
screenshot: ori and the blind forest

Audiovisuelles Gustostück

Mindestens genauso viel Arbeit wie in die Rätsel und Hüpfpassagen floss in die audiovisuelle Verpackung der ausgereiften Spielmechaniken. Jeder Winkel der Spielwelt wurde liebevoll von Hand gestaltet und mit winzigen Details versehen, durch die sie glaubwürdiger und lebendiger wirkt. Frösche sitzen im Hintergrund, Vögel schweben in der Ferne durch die Lüfte und die Vegetation bewegt sich sanft im Wind. Durch viele hintereinander angeordnete Ebenen wird außerdem ein Tiefeneffekt erzeugt, der zusammen mit den fein animierten Charakteren und der künstlerischen Gestaltung dafür sorgt, dass "Ori and the Blind Forest" wie ein spielbarer Zeichentrickfilm aussieht. Dichte verleiht der Atmosphäre zudem die per Orchester eingespielte Musik. Die orchestral eingespielten Klänge strahlen eine thematisch passende, wunderschöne Melancholie aus und werten das Erlebnis in seiner Gesamtheit auf.

Fazit

"Ori and the Blind Forest" sieht nicht nur fantastisch aus, sondern fordert den Spieler auch, ohne jemals unfair zu sein. Jeder Bildschirmtod ist das Ergebnis eines persönlichen Fehlers und nicht auf die Steuerung oder andere Umstände zurückzuführen. Auch wenn das Spiel insgesamt kaum Neues auf Tableau bringt, sind sämtliche Elemente großartig umgesetzt und mit einem heute leider seltenen gewordenen besonderen Feinschliff versehen worden. Ein Stück spielbare Kunst. (Lukas Urban, derStandard.at, 13.3.2015)

"Ori and the Blind Forest" ist ab 7 Jahren für Xbox One und Windows-PC über Steam erschienen. UVP: ab 19,99 Euro. Eine Xbox-360-Fassung soll in den kommenden Monaten folgen.

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Ori and the Blind Forest (Amazon)

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