Graue Industriestadt Mailand wird grüne Oase

12. März 2015, 08:00
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Mailand erlebt einen Wandel: Die Produktionsstätten stehen still. Die Bewohner sehnen sich nach mehr Natur

Kaum eine andere europäische Metropole hat in den vergangenen fünf Jahren einen derartigen Wandel erlebt wie Italiens heimliche Hauptstadt, Mailand. Von der einst grauen Industriezone, von den ehemaligen Produktionswerken Pirellis und Fiats, den Stahlwerken der Unternehmerfamilie Falck, den Luxusautofabriken von Maserati im östlich gelegenen Stadtteil Lambrate und den Alfa-Romeo-Werken nahe der alten Messe Mailands ist nichts mehr übrig geblieben. Die Produktion wurde stillgelegt. An ihre Stelle traten Forschungs- und Entwicklungszentren (Pirelli-Bicocca) oder Grünflächen wie etwa in Lambrate.

Wesentlich zur Metamorphose Mailands hat die Weltausstellung Expo beigetragen, die vom 1. Mai bis 31. Oktober läuft. Denn Mailand will sich zur Expo, die unter dem Motto "Den Planeten ernähren, Energie für das Leben" steht, im besten Licht zeigen.

Acht Strahlen in das Umland

Auch Andreas Kipar, ein deutscher Landschaftsarchitekt, arbeitet seit gut zwei Jahrzehnten an dem Wandel zur umweltfreundlichen Großstadt. Der 55-jährige Wahl-Mailänder hatte bereits vor dreißig Jahren Visionen, als er nach Mailand kam: Die Begrünung der Stadt war und ist ihm ein Anliegen. Sein Acht-Strahlen-Plan zielt zum Beispiel darauf ab, das Verhältnis zwischen der Stadt Mailand und ihrem Umland neu zu definieren und die jahrzehntelang als grau bezeichnete, introvertierte Stadt in eine offene, gut vernetzte Metropole zu wandeln. Die acht Strahlen verlaufen sternförmig vom Zentrum in die Außenbezirke. Die Endpunkte werden verbunden, damit ein grüner Gürtel entsteht. Auf diesem sollen Fuß-und Radwege mit einer Länge von 72 Kilometer angelegt werden.

"Der Vorschlag ist zeitweise auf politischen Widerstand gestoßen, doch inzwischen gelang es, die einst informelle Planung in eine formelle umzuwandeln", sagt der Landschaftsarchitekt im Gespräch mit dem STANDARD. "Wir wollen eine sanfte Mobilität einführen", so Kipar. Sein Plan hatte bereits Erfolg. DennMailand hat seine Fahrradwege in den vergangenen Jahren auf 140 Kilometer (davon führen 20 über Grünflächen) nahezu verdoppelt.

Die Grünflächen ihrerseits haben sich in den vergangenen fünf Jahren um ein Zehntel auf 3,2 Millionen Quadratmeter vergrößert. Dies hat natürlich auch mit dem Bewirtschaftungssystem, mit der hier wie Schwammerln aus der Erde gewachsenen Vielzahl von Bürgergärten zu tun. Denn in Mailand kam es bei vielen der 1,7 Millionen Bewohner zu einer Mentalitätsänderung. "Ich will Grün vor der Haustür haben", ist der häufigste Wunsch der jungen Wohnungssuchenden. Kurzum, der Wunsch der Mailänderbeschränkt sich nicht mehr einzig auf elegante Geschäftsstraßen, wo für alles zu bezahlen ist. "Die neue Bürgerschicht sehnt sich nach Grün", sagt Kipar.

Diesem Wandel entsprach das neue Hochhausprojekt von Architekt Stefano Boeri. Dieser hat im innovativen Stadtviertel Porta Nuova mit seinem Baum-Hochhaus "Il Bosco Verticale" (der senkrechte Wald, Anm.) Furore gemacht. Das futuristische Projekt wurde von einer internationalen Jury als "schönstes Hochhaus der Welt" prämiert.

Zwei grüne Lungen

Mailand hat zudem zwei grüne Lungen, um die sie manch eine andere Metropole beneidet. Es handelt sich um einen der größten landwirtschaftlich genutzten Parks Europas, den Parco Sud. Bekanntlich ist die Lombardei der wichtigste landwirtschaftliche Produzent innerhalb der EU. Die Gemeinden im SüdenMailands profitieren von der enormen Agrarfläche. Während der Südteil Mailands als landwirtschaftlich reiche Zone von der Industrie weitgehend gemieden wurde, siedelte sich diese vorrangig im Norden an. Aber auch der Nordpark auf einer Fläche von 600 Hektar verbessert die Lebensqualität in der Stadt. "Durch die neue Verkehrsplanung der Stadtverwaltung, der Einführung der 'Zona C' mit einem Fahrverbot tagsüber, ist die Luftverschmutzung in Mailand gesunken", meint Kipar. In den Vororten der Stadt, wo der Pkw-Verkehr nicht gebremst wurde, ist sie jedoch weiterhin übermäßig hoch. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, 12.3.2015)

  • Blühende Bäume statt Automobilindustrie: Der Portello Park im Norden Mailands ist inmitten des neuen Stadtviertels Portello, auf dem ehemaligen Industriegelände von Alfa Romeo, entstanden. Zum Wandel hat auch die Weltausstellung beigetragen, die im Mai beginnt.
    foto: studio land

    Blühende Bäume statt Automobilindustrie: Der Portello Park im Norden Mailands ist inmitten des neuen Stadtviertels Portello, auf dem ehemaligen Industriegelände von Alfa Romeo, entstanden. Zum Wandel hat auch die Weltausstellung beigetragen, die im Mai beginnt.

  • Landschaftsarchitekt Andreas Kipar ist Gründer und Direktor der Gruppe Land.
    foto: studio land

    Landschaftsarchitekt Andreas Kipar ist Gründer und Direktor der Gruppe Land.

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