"Gestiegen sind Steuern, Abgaben und Zuschläge"

Interview12. März 2015, 05:30
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Stromkunden merken wenig vom Preistief im Großhandel. Das will Susanna Zapreva nicht auf sich sitzen lassen

STANDARD: Wann wird der erste branchenfremde Strom in größerem Stil an Haushalte verkauft?

Zapreva: Erste Ansätze gibt es schon, im dezentralen Bereich und im Bereich der Windkraft. Aber auch die Selbsterzeugung von Strom nimmt zu, man denke an die steigende Zahl von Fotovoltaik-Anlagen auf den Dächern.

STANDARD: Kommt noch mehr?

Zapreva: Ich persönlich glaube das nicht. Im Osten Österreichs haben die alteingesessenen Unternehmen im Bereich der Windproduktion stark aufgeholt. Während vor einigen Jahren nur private "Nicht-Energieversorger" Windbetreiber waren, ist das mittlerweile anders.

STANDARD: Was können die Alteingesessenen besser als Newcomer?

Zapreva: Den ganzheitlichen Ansatz. Welche Auswirkungen es auf den Markt hat, wenn niemand koordiniert, wird uns fast täglich vor Augen geführt. Die alteingesessenen Unternehmen können dank ihres Portfolios an unterschiedlichen Erzeugungsanlagen Schwankungen im Stromaufkommen ausgleichen. Wenn keine Sonne scheint oder kein Wind weht, können wir die thermische Erzeugung dazuschalten und umgekehrt. Erzeuger, die nur Windräder oder Solaranlagen haben, können das nicht.

STANDARD: Wien Energie selbst nützt die Annehmlichkeiten der neuen Zeit, kauft im europäischen Großhandel billig Strom ein, statt ihn teurer selbst zu produzieren.

Zapreva: Uns wär lieber, wir könnten den selbstproduzierten Strom verkaufen. Wegen der Verwerfungen auf den Energiemärkten ist das aber nur beschränkt möglich. So nutzen wir wie viele andere die Möglichkeit, uns im Großhandel günstig mit Strom einzudecken, und lassen die Kunden teilhaben.

STANDARD: Zwar hört man ständig, Strom sei billig wie nie. Zumindest die Haushaltskunden haben aber nicht unbedingt diesen Eindruck.

Zapreva: Tatsache ist, dass der Energieanteil an der Stromrechnung, und nur dafür sind wir verantwortlich, zuletzt ständig gesunken ist. Bei Wien Energie beispielsweise gab es die letzte Verteuerung 2008. Gestiegen sind aber die diversen Steuern, Abgaben und Zuschläge, etwa für Ökostrom.

STANDARD: Kurzfristig kann man offenbar nur schwer Geld mit selbstproduziertem Strom verdienen. Mittelfristig schon?

Zapreva: Ich bin fest davon überzeugt. Der Energiemarkt muss neu ausgerichtet und auf die Höhe der Zeit gebracht werden. Ich erinnere an den beschlossenen Atomkraftausstieg in Deutschland bis spätestens 2022. Schon vorher muss es ein neues Marktdesign geben, sonst bricht das System zusammen.

STANDARD: Probleme gibt es mit der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), wo es fraglich ist, ob vereinbarte Unterstützungszahlungen von der EU-Kommission bewilligt werden. Was, wenn nicht?

Zapreva: Dann muss die Politik rasch Maßnahmen setzen, damit eine sinnvolle Technologie wie KWK reüssieren kann. Denn wenn in Europa ein Atomkraftwerk wie Hinkley Point Förderungen bekommt, gleichzeitig aber hocheffiziente KWK-Anlagen nicht gefördert werden, dann passt einiges nicht.

STANDARD: Warum sind KWK-Anlagen plötzlich unrentabel, wo sie doch deutlich höhere Wirkungsgrade haben als Kraftwerke, die nur Strom erzeugen und keine Wärme auskoppeln?

Zapreva: Weil Gas, das wir zur Stromerzeugung in den KWK-Anlagen brauchen, vergleichsweise teuer ist und der Strompreis zu niedrig. Dazu kommt ein nicht funktionierender CO2-Markt.

STANDARD: Was sind die dringendsten Maßnahmen, die von der Politik angegangen werden sollten?

Zapreva: Ein neues Marktdesign und ein neues Fördersystem, das den Bereich der erneuerbaren Energien rascher an den Markt heranführt. Statt fixer Einspeisetarife wie bisher, die keine Rücksicht auf Marktgegebenheiten nehmen, sollte es eine Investitionsförderung geben.

STANDARD: Das bringt die KWK-Anlagen wieder ins Geldverdienen?

Zapreva: Das allein nicht. Dazu ist ein Bündel von Maßnahmen notwendig, wozu jedenfalls auch ein funktionierender CO2-Handel gehört. Das alles muss auf europäischer Ebene stattfinden, alles andere wäre kontraproduktiv. (Günther Strobl, DER STANDARD, 12.3.2015)

Susanna Zapreva, geboren 1973 in Wien, ist seit 2010 Geschäftsführerin der Wien Energie. Die verheiratete Mutter eines Sohnes ist dort unter anderem für die regenerative Erzeugung verantwortlich.

  • Susanna Zapreva: Statt fixer Einspeisetarife sollte es eine Investitionsförderung geben
    foto: wien energie/preiss

    Susanna Zapreva: Statt fixer Einspeisetarife sollte es eine Investitionsförderung geben

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