Komiker Heinz Strunk: Scheitern ist besser als Kapitulieren

11. März 2015, 16:57
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Der norddeutsche Komiker, Autor und Musiker gastiert mit seiner Selbstoptimierungsshow "Das Strunk-Prinzip" in Österreich. Dabei wird das boomende Genre der Ratgeberliteratur vorgeführt. Blockflöten aus dem Diskonter kommen auch vor

Wien - In Zeiten bröckelnder sozialer Sicherheiten ist der Begriff der Eigenverantwortung natürlich eine große Sache. Gott, die Sozialversicherungsanstalten und das mit Mindestrente auskommen müssende Hotel Mama fallen aus. Die Zukunft ist keine Salami, doch die Wurst hat zwei Enden. Diese sind in Sichtweite. Die fetten Jahre sind also definitiv vorbei.

Doch mitten in der Armutsfalle, Working Poor, Working-gar-nicht aufgrund beruflicher Freistellung und diverser Folgedepressionen aufgrund fehlenden symbolischen Eigenkapitals wartet ein Mann, der Rat weiß. Wenn dir niemand hilft, dann musst du dich selbst am Schopf packen und aus dem Sumpf ziehen, den sie Krise nennen.

Heinz Strunk der norddeutsche Autor, Komiker, Schauspieler, ehemalige Tanzmusiker und Hamburger Spitzenkandidat der politischen Partei "Die Partei", kurz, Heinz Strunk der "Multifunktionsentertainer", hat die drängenden Probleme unserer Zeit und Gesellschaft erkannt. Während der letzten Jahre entwickelte er in diversen Radio- und Zeitschriftenkolumnen, unter anderem für das Satiremagazin Titanic, das sogenannte "Strunk-Prinzip". Das hier angehäufte Wissen im Bereich Motivationscoaching für das Prekariat liegt nun auch in Buchform sowie als Hörbuch vor: Das Strunk-Prinzip (Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg).

Nach bis dato fünf Erfolgsromanen, unter anderem dem Coming-of-Age-Klassiker Fleisch ist mein Gemüse, dem Pubertätsklassiker Fleckenteufel oder zuletzt Junge rettet Freund aus Teich hat sich der Mann mit Das Strunk-Prinzip sozusagen neu erfunden - und sich damit auf dünnes Eis begeben.

Ratgeberliteratur gilt schließlich seit Jahrzehnten als Genre, das mit großer Konsequenz zur Selbstparodie neigt und es dennoch ernst meint. Man findet in diesem gut durchdeklinierten Bereich neben Festmetern an handelsüblicher Esoterik, ökonomisch ausgerichteten Anleitungen zum Soziopathentum oder real existierenden Coachings in Tierparks und Wildgehegen wie Wie Wölfe mit Vertrauen führen ... und was menschliche Chefs davon lernen können auch reine Selbsterhöhungsprosa: Ich bleib so scheiße, wie ich bin - Lockerlassen und mehr vom Leben haben. Ganz abgesehen davon, dass es schon sehr viel Selbstbewusstsein benötigt, wenn ein Autor etwa mit einem Titel wie Blind Descent: Surviving alone and blind on Mount Everest durchkommen will.

Insofern ist es ziemlich schwierig, unter satirischen Gesichtspunkten derart ernsthaft vorzugehen, dass es trotzdem lustig wird. Aber wie sagt Heinz Strunk selbst im Vorwort: "Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein!" Oder auch: "Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern!"

Der geneigte Leser wird allerdings nicht didaktisch an der Hand genommen und vom persönlichen Jammertal, der Verzweiflung, dem Ausgebrannt- und Verzweifeltsein über diverse "Motivation-Steps" zum Erfolg geführt. Dafür erweisen sich unsere persönlichen Schicksale wohl als zu unterschiedlich. Neben einfachen Rezepten wie jenem, dass man niemanden überholen kann, wenn man immer nur in dessen Fußstapfen tritt, gibt Heinz Strunk lieber Denkanregungen für wichtige biografische Stationen, an denen der Mensch im Laufe eines Lebens halt so haltmacht.

Die Kapitel sind kurz und leicht verständlich geschrieben. Sie überfordern den Leser auch nicht mit zu viel für selbstverständlich gehaltenem Vorwissen. Sexualität - Von Säften und Süchten heißt da ein Abschnitt, ein anderer beschäftigt sich mit Senioren - Generation ohne Zukunft?. Der Finger wird ganz generell in offene Wunden der Gesellschaft gelegt: Hobby für Dicke - Kochen, Backen und Braten, Die Landbevölkerung - Zwischen Traktor und Realität - oder: Kultur - Eselsbrücke des Menschen.

Bewerten und handeln

Freilich hat das nur noch wenig mit den legendären Lebenshilfe-Essays eines Michel de Montaigne aus dem 16. Jahrhundert zu tun. Egal ob Vollbeschäftigung, Teilzeit oder Teil der Freizeitgesellschaft: Die Zeiten sind selbst im Stillstand schnell geworden.

Heinz Strunk nimmt darauf Rücksicht, indem er sich bei seinen Strunk-Prinzip-Live-Shows oft in atemlosem norddeutschem Redefluss selbst überholt, über seine eigenen Gedanken stolpert und zwischendurch auf zwei Blockflöten aus dem Lebensmitteldiskonter gleichzeitig spielt. Schließlich werden live auch Lieder aus seinem frisch erschienenen Soloalbum Sie nannten ihn Dreirad (Vertrieb: Hoanzl) wie Sex ohne Menschen oder Aufnehmen Bewerten Handeln zu hören sein.

Seine Zielgruppe sieht Heinz Strunk also nicht im über die Jahre etwas lasch gewordenen Vorgesetzten in der Firma, der endlich wieder über Leichen gehen will. Es geht ihm mehr um uns kleine Leute von der Straße. Man kann ihm das nicht genug danken. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 12.3.2015)

Heinz Strunk live: Do., 12. 3., Posthof, Linz. Fr., 13. 3., Rabenhof, Wien. Jeweils ab 20.00

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www.heinzstrunk.de

  • "Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein!": Komiker Heinz Strunk erklärt sein Erfolgsrezept in Linz und Wien.
    foto: dorle bahlburg

    "Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein!": Komiker Heinz Strunk erklärt sein Erfolgsrezept in Linz und Wien.

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