"Hotline Miami 2" im Test: Gnadenlos guter Blutrausch in Neon

Rezension12. März 2015, 10:00
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Der Nachfolger des Indie-Bestsellers ist bewusst harter und unterhaltsamer Trash mit Hirn und Stil

"Hotline Miami 2: Wrong Number" ist gnadenlos. Oft dauert es nur Sekunden und alles ist vorbei - ein Wachhund, den der Spieler übersehen hat, ein gezielter Schuss aus der Ferne oder aber ein Gegner mit Baseballschläger, der die fragilen Antihelden des Spiels mit einem einzigen Treffer ins Jenseits schickt. Das macht aber nichts, denn der Bildschirmtod der Spielfigur ist hier nur einen Wimpernschlag vom nächsten Versuch entfernt, diesmal alles richtig zu machen, den perfekten Weg zu finden, das mörderische Action-Ballett zu meistern und am Ende alleine dazustehen in blutigen Tableaus.

Wie wenige andere Spiele lebt "Hotline Miami" vom Retry, vom erneuten Versuch, vom Üben und Perfektionieren. Und wie kaum ein anderes Spiel gelingt es auch dem Nachfolger, dieses mühselig klingende Stop-and-Go zu einem atemberaubenden Action-Thrill werden zu lassen, der Adrenalin und Schweiß zum Fließen bringt.

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bild: hotline miami 2: wrong number

Härter, größer, tödlicher

Wer den Vorgänger "Hotline Miami" kennt, weiß, was ihn in "Wrong Number" erwartet: Wieder steuert der Spieler aus der Vogelperspektive in Twin-Stick-Manier einen Rächer, der mit unterschiedlichen Waffen - oder auch ohne - einer Vielzahl von Gegnern gegenübersteht. Die in liebevoll detaillierter Neon-Retro-Optik gestalteten eher kleinen Locations umfassen auch im Nachfolger wieder Innenräume, zum ersten Mal aber auch offene Außenflächen; Ziel ist es nach wie vor, die Karte von allen Gegnern zu säubern, bevor es zur nächsten weitergeht.

Der Kampf gegen Mafiosi, Polizisten und Wachleute verlangt perfektes Timing, Wagemut und einen Hauch Glück, denn Gnade kennt "Hotline Miami" traditionell nicht: Wie die meisten Gegner verträgt auch die Spielfigur nur einen einzigen Treffer, der den Spieler zurück an den Levelstart wirft.

Im Idealfall - wenn alle Angriffs- und Fluchtmanöver perfekt gelingen - dauert das erfolgreiche Meistern eines Levels nur wenige Minuten. Bis diese Perfektion erreicht ist, sind allerdings zahllose Bildschirmtode vorprogrammiert. Trotz der Vielzahl an Gegnern, die in absichtlich überzogenem Splatter-Stil pro Runde getötet werden, wird der häufigste Bildschirmtod in den meisten Fällen der eigene sein. Dass dabei nur selten Frustration aufkommt und wegen dieser Härte im Gegenzug das erfolgreiche Absolvieren umso mehr freut, ist die Erfolgsformel, die schon den ersten Teil des Spiels zu einem Millionenbeststeller und seine Schöpfer, das Indie-Duo Dennaton, zu Indie-Stars gemacht hat.

bild: hotline miami 2: wrong number
bild: hotline miami 2: wrong number

Antihelden und Psychopathen

Der Nachfolger bietet Fans und Neueinsteigern nun nicht nur mehr vom Bewährten, sondern bemüht sich erfolgreich darum, den Erstling in Umfang und Abwechslungsreichtum zu übertreffen. So ist nun deutlich mehr Variation angesagt: Statt einer einzelnen Figur verkörpern Spieler eine Vielzahl von zweifelhaften Antihelden, die sich auch spielerisch unterscheiden.

In der Gestalt von Polizisten, Psychopathen, Söldnern oder aber eines Journalisten bieten sich Spielern immer wieder unterschiedliche Aufgaben und Herangehensweisen. Während bei einigen der Spielfiguren - die aus dem Vorgänger bekannten Tiermaskenträger sind auch hier wieder zu sehen - mit Handicaps und Vorteilen experimentiert werden kann, verlangt die Rolle des Journalisten etwa, nur mit nichttödlichen Waffen durch ein Haus voller Gangster zu navigieren. Der clevere Wechsel dieser Figuren zwingt Spieler dazu, sich ständig neuen Herausforderungen anzupassen und vermeidet so die sonst bei Nachfolgern oft drohende Wiederkehr des Immergleichen. Dafür ist auch der Schwierigkeitsgrad von "Wrong Number" von Beginn an etwas höher als beim Vorgänger.

bild: hotline miami 2: wrong number
bild: hotline miami 2: wrong number

Pulp-Splatter-Trash in Neon-Noir

Der größte Unterschied zu "Hotline Miami" ist allerdings in Ambition und Fokus der Story zu erkennen. Obwohl der Kern des Gameplays aus schneller Action und taktischen Sekundenentscheidungen besteht, ist "Wrong Number" in seinen teils interaktiven Zwischensequenzen ein erzählerisch ambitioniert zerstückelter Noir-Pulp-Thriller, der mit seinen Zeitsprüngen, seinen unsympathischen Antihelden und seiner absurd überzeichneten Härte Filmfreunde durchaus an Quentin Tarantino oder Sam Peckinpah erinnern wird. Dass "Wrong Number" sich übrigens trotz seiner stückhaften Erzählweise schlussendlich um ein "verständlicheres" Ende bemüht als der kryptische Vorgänger, ist ironischerweise fast als kleine Schwäche zu sehen.

Schauplatz der düsteren und über weite Strecken rätselhaften Storyhäppchen ist zum Großteil wieder das neon-beleuchtete Miami der späten Achtziger- und Neunzigerjahre; statt der an den Thriller "Drive" angelehnten halluzinierenden, aber letztlich eher geradlinigen Rachestory des ersten Teils zeigt "Wrong Number" diesmal allerdings eine weitaus fragmentiertere düstere Vision von Unterweltgewalt und ihrer medialen Rezeption: Ein einen blutigen Thriller drehendes Filmteam verweist ebenso clever auf die sich auch am Spiel aufdrängende Frage nach fiktiver und realer Gewalt wie etwa das auf Lo-Fi-VHS-Ästhetik gestylte Pausenmenü.

bild: hotline miami 2: wrong number
bild: hotline miami 2: wrong number

Pixelblut und Style

Auch wenn die im Spiel gezeigte und vom Spieler verübte Gewalt vom Spiel selbst thematisiert und durchaus kritisch kommentiert wird, bleibt "Hotline Miami 2: Wrong Number" natürlich trotzdem ein Spiel überzogener Brutalität, die schon im Vorfeld für Aufregung gesorgt hat. Auch der Retro-Look und seine Abstraktion können den Blutbädern, die hier im Sekundentakt angerichtet werden, nur bedingt die Härte nehmen. "Hotline Miami 2: Wrong Number" ist wegen dieser exzessiven Härte nicht nur kein Spiel für Kinder, es richtet sich in dieser Hinsicht auch thematisch wie seine Vorbilder im Film an ein erwachsenes Publikum. Zur tumben Gewalt- und Allmachtsfantasie gerät es dabei, im Gegensatz zu vielen fotorealistischen FPS-Vehikeln, die Jahr für Jahr die Charts bevölkern, allerdings nicht: Zu zerbrechlich ist die Spielfigur dafür, zu verstörend und gebrochen die Darstellung dieser gewalttätigen Unterwelt. "Hotline Miami" steht damit auch in Teil zwei wieder für einen störrisch provokanten Underground; es ist bewusst harter und unterhaltsamer Trash mit Hirn und Stil.

Dieses Stilbewusstsein zeigt sich zudem erneut im gewohnt fantastischen Soundtrack, der mit hypnotischen Synth-Beats, aber auch atmosphärischeren Tracks in einer eigenen Liga spielt und separat digital und sogar auf Vinyl erhältlich ist: Eine perfektere Symbiose von konzentrierter Action und stilsicherem Techno-Soundtrack hat es seit "WipeOut" nicht mehr gegeben.

Fazit

"Hotline Miami 2: Wrong Number" ist härter, größer, abwechslungsreicher und noch eine Spur seltsamer als sein zu Recht Kult gewordener Vorgänger. Dessen Originalitätsbonus besitzt es natürlich nicht; dafür ist es ein perfektes Beispiel für eine rundum gelungene Fortsetzung. (Rainer Sigl, derStandard.at, 12.3.2015)

"Hotline Miami 2: Wrong Number" ist ab 18 Jahren für PS4, PS3, PS Vita, Windows, Mac und Linux erschienen. UVP: ab 14,99 Euro. Im Mai soll per Update ein Level-Editor nachgereicht werden.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster zu "Hotline Miami 2: Wrong Number" wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt

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Hotline Miami 2: Wrong Number

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