Nemzow-Mord: Hinweise auf Machtkampf

11. März 2015, 17:37
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Der von den russischen Behörden als Mörder des Oppositionellen Boris Nemzow Präsentierte hat sein Geständnis widerrufen

Erst Geständnis, nun der Widerruf: Saur Dadajew, der mutmaßliche Mörder des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow, erklärt sich für unschuldig: "Im Moment der Festnahme war ich zusammen mit einem Freund, meinem ehemaligen Untergebenen Ruslan Jussupow. Sie haben mir gesagt, wenn ich gestehe, lassen sie ihn frei. Ich habe zugestimmt", beschrieb Dadajew das Zustandekommen seines Geständnisses. Er habe vor Gericht die Wahrheit sagen wollen, sei jedoch nicht zu Wort gekommen.

Zudem demonstrierten Dadajew und ein Mitangeklagter Bürgerrechtlern im Gefängnis Verletzungen, die von Folter stammen sollen. Der Menschenrechtsrat des russischen Präsidenten forderte die Staatsanwaltschaft auf, die Vorwürfe zu untersuchen. Das Ermittlungskomitee kündigte seinerseits an, die Bürgerrechtler zu befragen, die sich in laufende Ermittlungen eingemischt hätten.

Zweifel an Motiv

Mit seinem Widerruf bestreitet Dadajew auch das angebliche Motiv - religiöser Hass. Seine Aussage vor der Kamera, er liebe den Propheten Mohammed, sei missinterpretiert worden, klagte er. Aus Ermittlungskreisen war ausgestreut worden, Dadajew habe nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo, empört über Nemzows Unterstützung für die Karikaturisten, beschlossen, ihn zu töten.

Allerdings wies diese für den Kreml "eleganteste" Version eines fanatischen Einzeltäters ohne Auftraggeber ohnehin Ungereimtheiten auf. So soll die Auswertung von Straßenüberwachungskameras ergeben haben, dass das Fluchtfahrzeug bereits im Herbst für Nemzows Beschattung eingesetzt wurde - also vor dem Anschlag auf Charlie Hebdo.

Zudem gaben sich die Täter wenig Mühe, die Spuren zu verwischen. Dies zeugt laut der Nowaja Gaseta davon, dass sie davon überzeugt waren, straflos auszugehen. Das kremlkritische Blatt offerierte seine Version des Geschehens, wonach der Auftraggeber Verwandter eines tschetschenischen Senators im Föderationsrat sei, der wiederum enge Beziehungen zu Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow pflege.

Unangenehm für Putin

Der Mord habe, so die Zeitung, einen tiefen Graben zwischen zwei Machtsäulen des Kremls aufgerissen: Auf der einen Seite stünden Geheimdienst FSB, Innenministerium und Ermittlungskomitee, die von Wladimir Putin beauftragt wurden, den für ihn äußerst unangenehmen Fall aufzuklären; auf der anderen Seite die tschetschenischen "Silowiki" (Sicherheitskräfte), die sich selbst als patriotische Vorkämpfer sehen und von denen etliche auf Seiten der prorussischen Separatisten in der Ukraine kämpfen. Letztere interpretierten die neue harte Linie des Kremls gegenüber dem Westen und der Opposition demnach als Freibrief für die Liquidierung der "Feinde Russlands". Neben Nemzow sollen auch die Journalisten Alexej Wenediktow und Ksenja Sobtschak sowie der Exiloligarch Michail Chodorkowski auf der Abschussliste stehen.

Zumindest der Konflikt zwischen beiden Lagern ist durch frühere Berichte belegt, bei denen unter Verdacht geratene Gefolgsleute Kadyrows in verschiedenen Mord-, Entführungs- und Erpressungsfällen auf dessen Intervention hin freigelassen wurden. Dass unter den jetzt Festgenommen gleich mehrere hochrangige Angehörige des Kadyrow-Sonderbataillons "Nord" sind und die Ermittler sogar in Grosny gegen hochrangige Beamte ermitteln, deutet darauf hin, dass die "föderalen Patrioten" sich nicht länger von den "regionalen Patrioten" auf der Nase herumtanzen lassen wollen. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 12.3.2015)

  • Bereits am 8. März wurde der tschetschenische Expolizeioffizier Saur Dadajew in Moskau unter demütigenden Umständen als angeblicher Mörder von Boris Nemzow vorgeführt. Jetzt hat er sein offenbar erzwungenes Geständnis widerrufen. Es gibt auch eine Reihe anderer Ungereimtheiten.
    foto: reuters / maxim shemetov

    Bereits am 8. März wurde der tschetschenische Expolizeioffizier Saur Dadajew in Moskau unter demütigenden Umständen als angeblicher Mörder von Boris Nemzow vorgeführt. Jetzt hat er sein offenbar erzwungenes Geständnis widerrufen. Es gibt auch eine Reihe anderer Ungereimtheiten.

  • Die Verdächtigen.
    foto: epa/yuri kochetkov

    Die Verdächtigen.

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