Offensive gegen Melanome

11. März 2015, 12:00
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An der Uni Graz wird an neuen Wirkstoffen aus der Muttermilch zur Bekämpfung des Schwarzen Hautkrebs geforscht

Der schwarze Hautkrebs, auch malignes Melanom genannt, zählt zu den bösartigsten Tumorerkrankungen und wird immer häufiger diagnostiziert. Herkömmliche Therapien zeigen oft nicht den gewünschten Erfolg. Dagmar Zweytick und Sabrina Riedl vom Institut für Molekulare Biowissenschaften der Karl-Franzens-Universität Graz haben die Basis für die Entwicklung neuartiger, vielversprechender Medikamente gelegt.

Trotz großer Fortschritte in der Krebstherapie fehlen gerade für besonders aggressive, Metastasen bildende Tumorerkrankungen zuverlässige Therapien.

"Ein Hauptgrund dafür ist, dass die vorhandenen Medikamente nicht selektiv genug sind, also auch gesunde Zellen angreifen und daher starke Nebenwirkungen haben", erklärt Biophysikerin Dagmar Zweytick. Mit ihrer Arbeitsgruppe hat die Forscherin nun einen Wirkmechanismus entdeckt, der es erlaubt, ganz gezielt Tumorzellen anzugreifen.

Wirkstoff aus der Muttermilch

Eine entscheidende Rolle spielt dabei Lactoferricin, das in der Muttermilch vorkommt. Lactoferricin ist ein Molekül der angeborenen Immunabwehr und hat eine zusätzliche Eigenschaft, die im Einsatz gegen Tumorzellen zum Tragen kommt: Es ist ein positiv geladenes Peptid – ein verkürztes Protein – und wird deshalb von den negativ geladenen Lipiden, die sich an der Außenseite von Krebszellen befinden, angezogen.

"Gemeinsam mit Beate Rinner von der Medizinischen Universität Graz konnten wir zeigen, dass das negativ geladene Lipid Phosphatidylserin (PS) ein universeller Krebsmarker an der Oberfläche von Tumorzellen und deren Metastasen ist, der als Angriffspunkt für Anti-Krebs-Wirkstoffe genutzt werden kann", berichtet Zweytick. Damit haben die WissenschafterInnen den Grundstein für eine neuartige Krebstherapie gelegt.

Peptide aufrüsten

Aktuell leitet Zweytick ein vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Nachfolgeprojekt mit dem Ziel, Antitumor-Peptide mit optimaler Wirkung zu designen. Ausgangsstoff ist Lactoferricin, das jedoch in seiner natürlichen Form nicht effektiv genug ist. "Wir modifizieren das Peptid, indem wir einzelne Aminosäuren austauschen, um die selektive Wirkung zu erhöhen", erläutert Projektmitarbeiterin Sabrina Riedl. Anschließend werden Eigenschaften und Wirksamkeit der einzelnen Varianten untersucht.

Die bisherigen Ergebnisse sind beachtlich: In ihrer jüngsten Publikation im internationalen Fachjournal "BioMetal" konnten die ForscherInnen erstmals für die von ihnen entwickelten Peptid-Derivate hohe spezifische Aktivität für eine Melanom-Zelllinie und Melanom-Metastasen aufzeigen sowie einen eindeutigen Beweis für die Interaktion der Peptide mit dem Krebsmarker PS liefern.

Selektion der Krebszellen

"Die Lactoferricin-Derivate weisen gegenüber dem Ausgangspeptid aus der Muttermilch eine über zehnfache Toxizität für Hautkrebszellen auf, während sie gesunden Zellen genauso wenig schaden wie Lactoferricin", berichtet Zweytick. Darüber hinaus wurde bewiesen, dass die Struktur der modifizierten Protein-Moleküle eine wesentliche Rolle spielt: "Peptide mit einer Helix-Struktur wirken sehr stark, aber unspezifisch. Sie töten Krebszellen innerhalb von 15 Minuten, weisen jedoch auch eine relativ hohe Toxizität für gesunde Zellen auf", erklärt Zweytick.

Peptide mit einer Haarnadel-Struktur brauchen zwar länger, sind dafür aber hoch selektiv. "Sie lösen den natürlichen Zelltod, die Apoptose, aus. Die Zellen sterben innerhalb von acht Stunden", so die Forscherin.

Neben der Aktivität gegen Melanome konnten die Grazer WissenschafterInnen auch eine hohe Wirksamkeit der entwickelten Abwehr-Peptide gegen das Glioblastom, einen schwer therapierbaren Gehirntumor, sowie gegen Rhabdomyosarkome, einen bösartigen Weichteilkrebs, im Zellversuch nachweisen. Die Antitumor-Peptide wurden international zum Patent angemeldet. (red, derStandard.at, 11.3.2015)

Originalstudie:

Killing of melanoma cells and their metastases by human lactoferricin derivatives requires interaction with the cancer marker phosphatidylserine

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