Obamas Ex-Stabschef bangt um Wiederwahl in Chicago

11. März 2015, 14:11
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Bürgermeister Rahm Emanuel muss trotz Unterstützung des Präsidenten gegen Herausforderer Jesús García in die Stichwahl

Auf dem Papier hätte es ein klarer Sieg werden müssen. Für seine Wiederwahl hat der Chicagoer Bürgermeister Rahm Emanuel sämtliche Geldgeber mobilisiert und konnte auch Präsident Barack Obama, seinen ehemaligen Chef in seiner Zeit als Stabschef im Weißen Haus, dazu bewegen, sich in den Wahlkampf einzuschalten und ihm das Vertrauen auszusprechen.

Doch mit den 50 Prozent der Stimmen, die für einen Sieg notwendig gewesen wären, wurde es am 25. Februar doch nichts. Zum ersten Mal in der Geschichte der Windy City kommt es daher im April zur Stichwahl.

Aufstieg des Mexikaners García

Nun muss Emanuel gegen Herausforderer Jesús "Chuy" García erneut ins Rennen gehen, der, obwohl er erst kurzfristig in den Wahlkampf eingestiegen war, gleich 34 Prozent der Stimmen erhielt. Außerhalb seines Viertels im Südwesten Chicagos bisher gänzlich unbekannt, hat der in Mexiko geborene García sich dort vor allem um die Nachbarschaftsentwicklung gekümmert. In den 1980er- und 1990er-Jahren arbeitete er schon für Harold Washington, den ersten und bisher einzigen afroamerikanischen Bürgermeister der Stadt.

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Ein reuiger Rahm Emanuel.

Dass Emanuel politisch derart unter Druck gekommen ist, hat vor allem mit den umstrittenen Sparmaßnahmen im Bildungssektor zu tun. Insgesamt 50 Schulen wurden in seiner ersten Amtszeit geschlossen, die meisten davon in Vierteln mit einem hohen Anteil an Afroamerikanern. 2012 legte sich Emanuel aufgrund von Gehaltskürzungen, Kündigungen und der Streichung von Zuwendungen für besonders benachteiligte Schulen mit der Lehrergewerkschaft an, was schließlich zu mehrtägigen Streiks führte.

Zuletzt geriet "Rahmbo", wie er aufgrund seines aufbrausenden Temperaments auch genannt wird, wegen der Radargeräte, die er auf Schnellstraßen installieren ließ, in die Kritik. Diese blitzen und stellen bei zu schnellem Fahren automatisch Strafen von 100 Dollar aus. Zwei Drittel der Bewohner Chicagos halten das Programm für eine schlechte Idee, weil auch Autofahrer, die bei Gelb über die Ampel oder einige wenige Stundenkilometer zu schnell fahren, gestraft würden. Zusätzlich wurde in der vergangenen Woche bekannt, dass ein ehemaliger Mitarbeiter Emanuels nun für die Firma lobbyiert, deren Radargeräte montiert wurden.

Garcia: Gegen Abgehobenheit

García versucht nun im Wahlkampf die "Abgehobenheit" des derzeitigen Bürgermeisters zu konterkarieren, der seiner Meinung nach nur Politik für ein Prozent der Chicagoer macht und sich von "Hedgefonds und Hollywood-Stars" finanzieren lässt. In letzten Umfragen wurde das Rennen zwischen beiden immer enger, sie liegen jeweils knapp über beziehungsweise unter 40 Prozent. García erhofft sich bei der Stichwahl weitere Zuwächse, die Rahm zu Fall bringen könnten: "Viele Leute waren wohl zynisch und haben gedacht, dass die Stadt sowieso in den Händen derselben Politiker bleibt. Diese sehen nun erstmals die Möglichkeit der Veränderung", sagte er im Interview mit "Salon".

Konkrete politische Ansagen hat García bisher eher ausgelassen. 1.000 zusätzliche Polizisten soll es in den gefährlichen Vierteln Chicagos geben, denn die Mord- und Kriminalitätsrate ist unter Emanuel nicht sichtbar zurückgegangen. Wie diese bezahlt werden sollen, ist nicht bekannt.

Die "Financial Times" bezeichnet Garcías Umfeld deshalb schon als "amerikanische Version von Syriza" und hegt die Befürchtung, dass die Stadt ähnlich wie Detroit unter ihm endgültig pleitegehen könnte. Doch viele können dem charismatischen Latino einiges abgewinnen: Zuletzt kündigte Jesse Jackson, Bürgerrechtler und Fürsprecher der afroamerikanischen Community, an, García zu unterstützen. (Teresa Eder, derStandard.at, 11.3.2015)

  • Rahm Emanuel hat vor allem unter der afroamerikanischen Wählerschaft erhebliche Stimmverluste erlitten.
    foto: ap/schmidt

    Rahm Emanuel hat vor allem unter der afroamerikanischen Wählerschaft erhebliche Stimmverluste erlitten.

  • Jesus Garcia (Mitte) beim winterlichen Plantschen im Lake Michigan.
    foto: reuters/young

    Jesus Garcia (Mitte) beim winterlichen Plantschen im Lake Michigan.

  • Garcia sieht sich im Wahlkampf als Fürsprecher aller Chicagoer - inklusive der benachteiligten Communities.
    foto: ap/sato

    Garcia sieht sich im Wahlkampf als Fürsprecher aller Chicagoer - inklusive der benachteiligten Communities.

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