Medina, Kairo - wir haben ein Problem!

Kommentar der anderen10. März 2015, 17:51
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Neuinterpretation alter Schriften, Neuüberdenken alter Bräuche - das müssen die Muslime leisten. Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des Propheten als Modernisierer und die Kernwerte des Islam

Unsere ersten und nachvollziehbaren Antworten auf die Gräueltaten, die im Namen unserer Religion verübt werden, sind Zweifel, Empörung und der natürliche Instinkt, uns von den Tätern zu distanzieren. "Diese Barbareien, dieser ,Jihadi John' (der unlängst als Mohammed Emwazi aus London identifizierte Henker der IS-Geiseln) haben nichts mit dem Islam zu tun", rufen wir aus.

Intellektuell fragwürdig

Diese Haltung mag verständlich sein, ist aber dennoch intellektuell fragwürdig und insgesamt verantwortungslos. Würde denn irgendjemand der Behauptung zustimmen, dass die Kreuzzüge "nichts mit dem Christentum zu tun" hätten? In Wahrheit scheinen sich viel zu viele von uns mehr über letztlich sinnlose Karikaturen in Zeitungen zu empören als über jene scheußliche Karikatur, die die IS und Boko Haram aus unserer Religion machen. Soziale und wirtschaftliche Fragen oder Misshandlung durch Sicherheitsbehörden mögen einen Teil zur Radikalisierung unserer Jugend beitragen. Aber das greift als Erklärung zu kurz, wie man es im Falle Herrn Emwazis feststellen muss.

Glücklicherweise wächst die Zahl der Muslime, die nach Reformen rufen und sagen: "Medina, Kairo - wir haben ein Problem!" Aber was kann das bedeuten? Eine Erneuerung des islamischen Denkens und ein frischer Vorstoß für die Neuinterpretation heiliger Texte sind notwendig. Bis es diese allerdings gibt, werden Muslime Geiseln der wörtlichen, obsoleten Auslegung der heiligen Texte bleiben.

Freiheit, Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit, das allgemeine Wahlrecht, Verantwortlichkeit und Gewaltenteilung (in Staat und Religion) sind unsere Prinzipien als Muslime des 21. Jahrhunderts. Erinnern wir uns, mit diesen Grundsätzen vor Augen, an die Worte des weltbekannten pakistanischen Gelehrten Muhammad Khalid Masud: "Muslimische Juristen wussten in der Vergangenheit um die dauernde Notwendigkeit, soziale und gesetzliche Normen miteinander zu versöhnen. Fortwährend adaptierten sie Gesetze und brachten diese in Einklang mit den Gebräuchen und Normen der Menschen. Die normative Basis der Institutionen und Konzepte wie Familie, Eigentum, Rechte, Pflichten, Kriminalität, ziviler Gehorsam, soziale Ordnung, Religiosität, internationale Beziehungen, Krieg, Frieden und Bürgerlichkeit hat sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten signifikant gewandelt." Dann sollten wir uns ans Werk machen.

Eine Neuinterpretation aber wird nicht ausreichend sein. Wir müssen einen langen, scharfen und ehrlichen Blick auf jene Texte richten, die Teil des Curriculums unserer renommiertesten Lehrstätten sind.

Der Behauptung, dass terroristische Gewalt "nichts mit dem Islam zu tun" habe, muss die Ehrfurcht entgegengestellt werden, die viele unserer renommiertesten Gelehrten vor Büchern wie Min Haj el Talibin von Araf el dine el Nawawi haben, das etwa die Steinigung von Ehebrechern empfiehlt. Oder vor Es sarim el maslul ala chatim el rasul von Ibn Taymiyya und Taqi al-Din al-Subkis Es seyf el maslul ala men sabba al rasul, die beide mit "Das Schwert gegen jene, die den Propheten beleidigen" übersetzt werden können. Ihre Vorschriften bezüglich Strafen für Blasphemie, Glaubensabfall oder Ehebruch sind nicht nur die Basis für die Behauptung der IS und Boko Harams, dass ihre Islam-Auslegung einfach nur rigoros sei, sondern auch Basis für konservative muslimische Staaten im Mainstream.

Sicher, viele Menschen wurden im Namen Christi über die Jahrhunderte verfolgt, versklavt und getötet. Langsam, aber sicher haben aber religiöse Reformen und Aufklärung Christen in die Lage versetzt, von solchen Praktiken Abstand zu nehmen.

Avantgardistischer Prophet

Ist es nicht an der Zeit, dass wir Muslime, die den Propheten zu Recht als Avantgardisten sehen, unsere Rolle als Modernisierer kultureller und sozialer Normen wieder einfordern?

Wir müssen uns mit einigen in unserer Gemeinschaft befassen, die - wie die britische muslimische Organisation Cage, die intensiven Kontakt zu Herrn Emwazi hatte - unsere Jugendlichen dazu bringen, sich als Opfer zu begreifen. Sie erzählen ihnen, dass Emwazi wegen der Polizeigewalt, der Juden, der USA, Israel, der Armut oder der guten alten "Gesellschaft" zu "Jihadi John" geworden sei.

Statt uns auf die originalen und universalen Ideale unserer Religion - Barmherzigkeit, Freiheit und Gerechtigkeit - zu konzentrieren, haben viele von uns es sich bequem in Opfermentalität und Verschwörungstheorien eingerichtet. Unsere Dekadenz entspringt aus dieser Verwirrung über die Ziele und Wege des Islam unter vielen von uns; aus unserem kollektivem Versagen, Glauben und Moral konvergent zu halten als Basis eines gesunden Bewusstseins: der Spiritualität. Religion ohne dieses moralische Ethos wird sinnlos. Und ohne Sinn wird sie auch gegenstandslos.

Vorislamische Gebräuche

Viel vom Konservativismus, mit dem der Islam heute assoziiert wird, kann auf vorislamische Beduinengebräuche zurückgeführt werden, mit denen der Prophet, ein echter Erneuerer, brechen wollte. Viele der Klischees und Verschwörungstheorien unserer Jugend stammen von der schrägen, antiwestlichen Weltsicht vieler Regierungen in der arabischen Welt. Aber heute sind drei von vier Muslimen keine Araber. Heute kann nur einer der 22 Staaten der Arabischen Liga für sich in Anspruch nehmen, eine funktionierende Demokratie zu sein. Heute werden viermal so viele Bücher ins Griechische (zehn Millionen Sprecher) übersetzt wie ins Arabische (350 Millionen Sprecher).

Sollten wir nicht endlich zur Kenntnis nehmen, dass dieser historische Arabozentrismus unserer Religion eine Belastung geworden ist und nichtarabische Muslime genauso legitimiert und respektabel sind wie arabische? Denjenigen unter uns, für die phallokratische "Gebräuche" wie das männliche Wächtersystem, das Frauenfahrverbot oder der Kopftuchzwang "islamisch" sind, müssen zuerst und vor allem andere Muslime sagen:

Nein, das ist nicht so. (Mohamed Bajrafil, Adnan Ibrahim Felix Marquardt, DER STANDARD, 11.3.2015)

Mohamed Bajrafil ist Linguist und Imam einer Moschee in Ivry-sur-Seine nahe Paris.

Adnan Ibrahim ist in Gaza geboren, Mediziner und Iman der Schura-Moschee in der Wiener Leopoldstadt. Er wird öfter wegen seiner Predigten gegen Israel kritisiert.

Felix Marquardt ist austroamerikanischer Stategieberater und Mitgründer des Global Forum for Islamic Reform.

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