Täglich scheitern

Einserkastl10. März 2015, 17:30
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Im Internet sind wir die Versuchskaninchen und Entwicklungshelfer

Dem hier kürzlich angestimmten Lamento über die digitale Dysfunktionalität schlossen sich etliche Leser und Leserinnen an, die das tägliche Scheitern aus ihrem User- und Userinnen-Dasein kennen. Manche meinten, das sei eine Frage des Geburtsjahrs. Das ist zu alterskulturpessimistisch. Wenn ein im Internet auszufüllendes Formular das Format deiner Postleitzahl nicht schlucken will, weil es anders programmiert ist, dann ist es egal, ob du ein Digital Native oder ein digitaler Zuagraster bist.

Bei allgemeiner Ressourcenknappheit werden digitale Produkte wohl eben genauso schleißig hergestellt wie etwa der Beton des Berliner Holocaust-Mahnmals, der nach zehn Jahren kaputt ist. Kann man ja reparieren. Im Internet sind wir die Versuchskaninchen und Entwicklungshelfer: Unsere Wutanfälle und Halbinfarkte vor dem Computer führen zu "laufenden Verbesserungen".

Aber auch hardwaremäßig schlagen Ingenieur und Ingenieurin zu. Hilfeschreie einer einsamen Dame vor dem neuen Bankomaten bei mir ums Eck: Mit ihren langen Fingernägeln ist es ihr unmöglich, das kleine Stückerl Bankomatkarte, das der Apparat beim Ausspucken derselben freigibt, zu ergreifen. Nach Hilfeleistung behebe ich selbst und sehe, dass ich auf einem Bretterboden über einer tiefen Grube stehe. Mit breiten Schlitzen, in die man die Bankomatkarte, wenn man sie herausgebracht hat, gleich wieder versenken kann. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 11.3.2015)

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