Ägyptische Gastarbeiter fliehen vor Gewalt in Libyen

11. März 2015, 05:30
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Zehntausende ägyptische Gastarbeiter verlassen Libyen fluchtartig. Ihre Überweisungen brachten Ägypten jährlich 20 Milliarden Dollar

Seit die Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) Mitte Februar in Libyen 21 koptische Christen bestialisch ermordet haben, reißt der Strom der Rückkehrer nicht ab. Sie kommen auf dem Landweg über die Grenze in Sallum oder mit dem Flugzeug über das tunesische Jerba oder sogar über Algerien. Rund 35.000 Ägypter, nicht nur Christen, haben aus Angst vor weiterer Gewalt im libyschen Chaos den Heimweg angetreten. Wie viele noch im Nachbarland ausharren, ist ungewiss. Schätzungen reichen von 250.000 bis 750.000. Genaue Statistiken gibt es keine, weil viele ihr Glück ohne gültige Papiere versuchen und die Grenze illegal passieren.

Der nordafrikanische Ölstaat ist für Ägypter seit vielen Jahrzehnten eine beliebte Destination, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Drei Viertel arbeiten auf dem Bau und in der Landwirtschaft, andere in Restaurants und Hotels oder auch als selbstständige Unternehmer wie Bäcker, Schnei- der oder Besitzer kleiner Supermärkte.

Erste große Rückkehrerwelle

Vor allem für Letztere ist Libyen oft zu einer neuen Heimat geworden. Als im Februar 2011 die Revolte gegen Diktator Gaddafi ausbrach, war weit mehr als eine Million Ägypter im Land. Damals setzte die erste große Rückkehrerwelle ein. Immer wenn die Gewalt seither wiederaufflammte, kamen Tausende zurück. Andere wiederum ließen sich trotz Reisewarnungen nicht abschrecken. Auch der Strom in die Gegenrichtung ist daher nie ganz versiegt.

Die meisten Opfer der jüngsten Brutalität der IS-Milizen stammten aus einem Dorf in der Nähe der oberägyptischen Stadt Minya. Diese Gegend gehört zu den rückständigsten Ägyptens, mit einer Armutsquote von bis zu 60 Prozent. In Oberägypten ist der Anteil jener, die im Ausland arbeiten, besonders hoch. Deshalb gibt es zum Beispiel auch direkte Flugverbindungen nach Saudi-Arabien. Krieg und Krisen sind immer ein Risiko für die Emigranten. Noch heute kämpfen tausende Ägypter um ihr Geld, das sie im Irak zurückgelassen haben, als sie in den Wochen vor der amerikanischen Invasion in Bagdad im Jahr 2003 in ihre Heimat zurückkehren mussten.

Verbreitetes Phänomen

Ein längerer Auslandsaufenthalt findet sich in der Biografie von Millionen ägyptischen Männern, vor allem jüngeren. Eine Familie zu finden, in der nicht mindestens ein Mitglied irgendwo anders auf der Welt sein Geld verdient, ist nahezu unmöglich. Auf 3,55 Millionen bezifferte das Arbeitsministerium im letzten Herbst die Zahl der Arbeitsmigranten, davon sollen 780.000 in Libyen sein.

Die Überweisungen der Gastarbeiter sind in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden und haben vor allem in den Krisenjahren seit der Revolution von 2011 einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung der ägyptischen Wirtschaft geleistet. Der Wunsch, den Familien zu Hause zu helfen, sei in Krisenzeiten besonders stark ausgeprägt, stellt Dilip Ratha, Spezialist der Weltbank für Arbeitsmigration, fest. Im Jahr 2014 betrugen die Überweisungen der Auslandsägypter 20 Milliarden Dollar. Sie stammen zu 80 Prozent aus arabischen Ländern, neben Libyen vor allem aus den Golfstaaten. Zehn Jahre zuvor waren es erst gut drei Milliarden.

Wichtiger Wirtschaftsfaktor

Damit machen diese Überweisungen heute ein Mehrfaches der Suezkanal-Einnahmen von jährlich 5,5 Milliarden oder der Einkünfte aus dem Tourismus von 7,5 Milliarden aus. Die Ersparnisse der Arbeitsmigranten fließen zu einem guten Teil in den Kauf von Wohnungen und Land oder in kleine Betriebe – viele davon in der Schattenwirtschaft, bemerkt Sherif al-Diwany vom Ägyptischen Zentrum für ökonomische Studien in Kairo.

Die Libyen-Rückkehrer werden die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt mit einer Arbeitslosenrate von 12,9 Prozent weiter verschärfen. Arbeitsministerin Nahed al-Ashry versucht dennoch, den Heimkehrern mit einem Sofortprogramm Stellen zu vermitteln. Mehrere private Geschäftsleute, unter ihnen Naguib Sawiris, haben einige Hundert Jobs angeboten. Bisher sollen sich laut Ashry 4400 Betroffene gemeldet haben.

Für viele Ägypter bleibt Auswandern aber die einzige Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der Bevölkerungsrat hat kürzlich vermeldet, dass 2014 rund 1,6 Millionen unter 35 Jahren legal emigriert seien – der Großteil mit dem Ziel, einen Job zu finden. (Astrid Frefel aus Kairo, DER STANDARD, 11.3.2015)

  • Eine Gruppe von jungen Ägyptern kam auf ihrer Heimreise im Februar in der Grenzstadt Sallum an. Sie waren vor der eskalierenden Gewalt in Libyen geflüchtet, wo sie als Gastarbeiter ihr Geld verdient hatten.
    foto: epa / tarek faramawy

    Eine Gruppe von jungen Ägyptern kam auf ihrer Heimreise im Februar in der Grenzstadt Sallum an. Sie waren vor der eskalierenden Gewalt in Libyen geflüchtet, wo sie als Gastarbeiter ihr Geld verdient hatten.

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