Französische Starsportler sterben bei Absturz in Argentinien

10. März 2015, 21:51
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Nach dem Unglück wächst die Kritik an TV-Realityshows. Der französische Privatsender TF1 ist nicht zum ersten Mal betroffen

Der Unfall ereignete sich bei Dreharbeiten in Quebrada del Yeso, einem abgelegenen Gebiet mehr als tausend Kilometer nordwestlich von Buenos Aires. Ein Amateurvideo zeigt, wie zwei Hubschrauber längere Zeit nebeneinander fliegen, bis die eine Maschine in einer Kurve in die Rotoren der anderen gerät. Bei dem Absturz kamen alle zehn Insassen ums Leben: acht prominente französische Sportler und die zwei argentinischen Piloten.

In Frankreich bewirkte die Meldung nationale Trauer, zumal die Opfer sehr bekannt sind: Unter ihnen ist die Seglerin Florence Arthaud, die als erste Frau die Atlantikregatta "Route du Rhum" gewonnen hatte, dazu die Olympiagold-Schwimmerin Camille Muffat und der Boxer Alexis Vastine – der Anfang des Jahres schon seine Schwester durch einen Autounfall verloren hatte. Pariser Medien ziehen Parallelen zu dem im Jahre 1949 erfolgten Flugzeugabsturz des legendären Boxers Marcel Cerdan, dem seine Geliebte Edith Piaf das Chanson "Hymne à l’amour" gewidmet hat.

Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung

Das Unglück in Argentinien ereignete sich bei den Dreharbeiten für die Survivor-Sendung "Dropped" (Fallengelassen) auf dem Pariser Privatsender TF1. Die Absturzursache ist unklar. Es herrschte schönes Wetter, und zumindest einer der beiden Piloten verfügte als Falkland-Veteran über große Flugerfahrung. Die Pariser Staatsanwaltschaft eröffnete eine Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung.

Im Visier der Ermittler sind nicht die Spielregeln der Überlebensshow – die Kandidaten müssen allein aus der Wildnis in die Zivilisation zurückfinden –, sondern die Drehbedingungen. Die französische Produktionsfirma Adventure Land (ALP) zeichnet solche Reality-Sendungen seit Jahrzehnten auf. Bei einem Dreh in Kambodscha für eine andere Überlebensshow namens Koh-Lanta, ebenfalls bei dem größten französischen TV-Sender, war schon 2013 ein Kandidat einem Herzinfarkt erlegen. Augenzeugen behaupteten, die Produktionsfirma habe den zusammengebrochenen Mann nicht sofort ausgeflogen, um Kosten zu sparen. Der Teamarzt brachte sich nach diesen Vorwürfen um; TF1 ging gerichtlich gegen die Kritiker vor.

Sicherheitsvorschriften systematisch missachtet

Der Anwalt des damals Verstorbenen übt jetzt im Fall des Argentinien-Unglücks erneut scharfe Kritik an der Art, wie solche Sendungen fabriziert werden. Da jeder Drehtag mehr als 100.000 Euro kosten könne, herrsche ständig Eile und Stress; die Sicherheitsvorschriften des Arbeitsrechts würden systematisch missachtet, weshalb sie sich in der "Illegalität" befänden, erklärte der Anwalt Jérémie Assous.

Bei ähnlichen Survivor-Sendungen waren in den letzten Jahren Kandidaten in Bulgarien und Pakistan sowie ein Angestellter in China ums Leben gekommen. In Südkorea und Frankreich brachten sich insgesamt drei Teilnehmer wegen Erfolglosigkeit um.

Sänger: "Scheußliche Realityshows"

Der bekannte französische Sänger Benjamin Biolay twitterte am Dienstag gegen die "scheußlichen Realityshows, die uns hölzerne Stars aufdrängen und jetzt drei herrliche Athleten geraubt haben". Der mehrfache Judo-Weltmeister und -Olympiasieger Teddy Riner berichtete, er sei auch angefragt worden, ob er bei "Dropped" mitmachen wolle; jetzt werde er aber "sicher nie an einer solchen Reality-Sendung teilnehmen". Einzelne TF1-Journalisten verteidigten das Sendekonzept und meinten, dieser Unfall hätte auch außerhalb solcher Dreharbeiten erfolgen können.

Die Produzentin ALP ließ verlauten, sie breche die Dreharbeiten "natürlich" ab und hole alle achtzig Beteiligten nach Frankreich zurück. Die aus Schweden eingekaufte Sendung "Dropped" dürfte deshalb in Frankreich nie ausgestrahlt werden. Die Sendung Koh-Lanta geht auf TF1 aber nach dem Herztod des Beteiligten und einer einjährigen Unterbrechung weiter. (Stefan Brändle, derStandard.at, 10.3.2015)

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