Betablocker lässt Blutschwämme verschwinden

10. März 2015, 15:55
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Seit rund einem Jahr ist in Deutschland das Herzmittel Propranolol als Therapie gegen Blutschwämme zugelassen. Eine Studie zeigte nun, dass die Behandlung weitgehend sicher und effektiv ist

Berlin - Bis zu zehn Prozent der Säuglinge entwickeln Blutschwämme. Mehr als 85 Prozent bilden sich von selbst zurück. Wachsen Hämangiome aber schnell oder an kritischen Stellen wie Augen, Lippen oder After, musste bisher mit Laser, Vereisung oder Skalpell behandelt werden. Das Uralt-Blutdruckmittel Propranolol wirkt in solchen Fällen sehr gut, berichten deutsche Kinderchirurgen.

Viele Kinderchirurgen setzten bereits das Herzmittel Propranolol, ein Betablocker, ein, um die Blutschwämmchen medikamentös schrumpfen zu lassen. Dass der seit Jahrzehnten bekannte Blutdrucksenker hier wirksam ist, ist vor einigen Jahren zufällig in Frankreich entdeckt worden. In Deutschland ist er seit April 2014 dafür offiziell zugelassen.

Eine jetzt im "New England Journal of Medicine" veröffentlichte Studie bestätigt, dass diese Therapie weitgehend sicher und effektiv ist. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) sieht daher im Einsatz des Herzmittels Propranolol ein wichtiges Instrument bei der Behandlung von Hämangiomen.

Kältetherapie, Laser und OP häufig nicht ausreichend

Blutschwämmchen sind oft nur millimetergroße hellrote bis bläuliche Flecke auf der Haut. Manchmal erstrecken sie sich aber auch über deutlich größere Flächen. Um einer problematischen Größenzunahme beziehungsweise funktionellen oder ästhetischen Komplikationen vorzubeugen, müssen Ärzte Blutschwämme oft schon im Frühstadium behandeln. "Dies betrifft häufig Hämangiome im Gesicht", erläutert Rainer Grantzow, Coautor der Studie und Kinderchirurg an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Blutschwämme nahe den Augen können unbehandelt sogar zur Erblindung führen. An der Nase verursachen sie manchmal entstellende und dauerhafte Veränderungen, an den Lippen verbleiben erfahrungsgemäß oft Reste. Große, rasch wachsende oder komplizierte Hämangiome lassen sich mit bisherigen Maßnahmen wie Kältetherapie, Laser und OP häufig nicht ausreichend oder schonend genug behandeln. Außerdem bleiben nicht selten Narben und therapiebedürftige Hautveränderungen zurück, berichtet Rainer Grantzow.

Erste klinische Studie

Seit etwa fünf Jahren ist Propranolol im sogenannten "Off-Label-Use" im Einsatz. Einwandfreie Daten aus qualitativ hochwertigen klinischen Studien über die optimale Dosierung und mögliche Nebenwirkungen fehlten bislang.

Diese Lücke hat jetzt die vor wenigen Tagen veröffentlichte internationale Studie einer Forschergruppe unter französischer Leitung geschlossen: Insgesamt wurden dabei 456 Kinder mit wachsenden Hämangiomen in die Studie einbezogen. Von diesen erhielten 55 ein Scheinmedikament, ein sogenanntes Placebo. Eine Gruppe von 188 Patienten nahm drei Milligramm Propranolol pro Kilogramm Körpergewicht über 24 Wochen hinweg ein. Das Ergebnis: Insgesamt sprachen 88 Prozent der Kinder positiv auf die Therapie an.

Therapieoption trotz "Rebound-Effekt"

Bei 60 Prozent aller Behandelten bildeten sich die Hämangiome vollständig oder fast vollständig zurück - gegenüber vier Prozent bei den Kindern mit Placebo. Die Nebenwirkungen, zum Beispiel Kreislaufprobleme, waren in beiden Gruppen etwa gleich verteilt. Bei zehn Prozent der zunächst erfolgreich behandelten Kinder traten die roten Male später wieder auf.

"Auch wenn es leider hin und wieder zu einem solchen 'Rebound-Effekt' kommt, ist der Einsatz von Propranolol eine unverzichtbare Therapieoption", meint Tobias Schuster, Chefarzt der Klinik für Kinderchirurgie in Augsburg. "Mit dem Medikament können wir den Kindern eine nach dem heutigen Erkenntnisstand sichere und zumeist auch wirkungsvolle Behandlung anbieten", ergänzt der Mediziner.

Um alle therapeutischen Möglichkeiten optimal auszuschöpfen und dabei gleichzeitig eine Übertherapie zu vermeiden, empfiehlt er Eltern, Blutschwämme möglichst frühzeitig von einem Kinderarzt oder Kinderchirurgen anschauen zu lassen. (APA, derStandard.at, 10.3.2015)

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