Gipfeltreffen der Routiniers

10. März 2015, 16:09
5 Postings

Philharmoniker, Mehta und Buchbinder im Wiener Musikverein

Wien - Er ist der Spezialist für pianistische Marathonunternehmungen: Alle 32 Beethoven-Klaviersonaten hat Rudolf Buchbinder schon in 45 Städten gespielt, jüngst etwa bei den Salzburger Festspielen im letzten Sommer. Mit den Wiener Philharmonikern hat der künstlerische Leiter des Grafenegg-Festivals bereits Liveaufnahmen aller fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens vorgenommen; am vergangenen Sonntag surrten im Großen Musikvereinssaal die TV-Kameras bei der Aufführung der zwei Klavierkonzerte von Johannes Brahms.

Zubin Mehta durfte sich dabei schon mal für die philharmonischen Abonnementkonzerte am kommenden Wochenende (mit Ligetis Atmosphères und Bruckners Neunter) warmdirigieren. Mit routinierter Verve animierte der 78-Jährige die Wiener Philharmoniker zu einem Brahms-Spiel mit Doppelrahmstufe: Wuchtig, üppig und satt strömten die Orchesterklänge etwa bei der gewitterwolkenverhangenen Orchestereinleitung des d-Moll-Konzerts in den Goldenen Saal.

Ein Kontrastprogramm bot das wunderschön sonnige, doch fast etwas zu kraftstrotzend präsentierte Cello-Solo von Petèr Somodari im Andante des B-Dur-Konzerts. Da Buchbinder den Steinway wie immer hart und durchsetzungsfähig intonieren ließ, hatte der 68-Jährige nie Probleme, sich gegen die philharmonischen Klangfluten zu behaupten.

Brahms' Klavierkonzerte sind zwei Werke von ausladender Größe und herausforderndem Inhalt. Der Pianist hat meist wie ein robuster SUV mit Allfingerantrieb durch ein wüstes, wildes emotionales Terrain zu brettern, über dem es blitzt und donnert; aber es gilt auch, lange lyrische Phrasen zu spannen, mal wie in Trance zu delirieren oder ein keck-kokettes Tänzchen hinzulegen: alles dabei.

Versonnen wiegt sich Pereira

Dank seiner jahrzehntelangen Erfahrung mit diesen zwei kühnen, reichen, hochdramatischen Großwerken präsentierte Buchbinder die unterschiedlichen emotionalen Verfasstheiten routiniert und schlug auch nur ganz selten kleine Irrwege ein. Immer wieder fand der Routinier auch noch Zeit, im Spiel Blickkontakt mit seinem Freund und Fan Alexander Pereira zu pflegen, der zu den Klängen des Österreichers versonnen hin- und herwiegte.

Allgemeine Begeisterung am Ende des Großereignisses, das zwar keine bahnbrechenden Interpretationserkenntnisse brachte, die überwiegende Majorität des hochnoblen Publikums jedoch äußerst beglückt zurückließ. (Stefan Ender, DER STANDARD, 11.3.2015)

Share if you care.