Die mit den Männernamen

19. März 2015, 16:33
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Berlin ist eher für seine Jogginghosen als für seine Eleganz berühmt - Das stößt einigen jüngeren Modemachern wie dem Designerduo Perret Schaad sauer auf - Sie orientieren sich stilmäßig lieber an Paris - und haben damit richtig viel Erfolg

Draußen rauscht, brummt, hupt es. Ständig. An der Kreuzung in Berlin-Wedding treffen zwei mehrspurige Straßen aufeinander, die Straßenbahn bimmelt, die Airbus-Maschinen haben ihren Sinkflug nach Tegel beinahe abgeschlossen. Und Johanna Perret sagt in ihrem Atelier im fünften Stock: "Der Himmel hier ist so toll." Klar, wenn man das Chaos mit den Spielzeugautos unten ausblendet.

Manchmal tut sie das, dann stellt sich die Designerin vor, wie sie einige der deckenhohen Fenster mit Pergament abklebt, sodass sie nur die oberen Scheiben sieht - wo der Blick von den gotisch anmutenden Spitzbögen über die Altbaudächer hin zum Hügel des Humboldthains geht. "Das könnte auch der Montmartre in Paris sein."

Ein sinnfälliger Vergleich. Die französische Modemetropole ist der Bezugsort von Perret Schaad - einem der anerkanntesten Berliner Jungdesignerlabels. Das Duo besteht aus Johanna Perret und Tutia Schaad, beide Anfang 30, beide Mode-Absolventen der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, beide Zuzügler in diese graue Stadt mit ihren bunten Menschen, beide frankophil. Der Vater von Johanna Perret ist ein französischer Architekt, sie ist aufgewachsen am Starnberger See bei München, Tutia Schaad hat nach den ersten sieben Lebensjahren, die sie in Hanoi verbrachte, im Elsass und der französischsprachigen Schweiz gelebt.

Beide Frauen reden nach wie vor untereinander Französisch, die offizielle Sprache der Mode. Und trotzdem sind die Kleider, Hosen, Jacken, die sie seit 2009 entwerfen, weit entfernt von den Eleganzkonzepten der Häuser Chanel, Hermès oder Dior. Seit Anbeginn versuchen Perret Schaad schicke Stoffe, Seide, Satin, Musselin, mit praktischen Überlegungen zu verknüpfen. Kann meine Mutter das auf der Straße anziehen? Würde das eine Schauspielerin nicht nur zur Oscar-Verleihung, sondern auch zum Entspannungskaffee in Berlin-Mitte tragen? Blasphemische Gedanken, die Paris zum Zittern bringen würden und in Berlin überlebenswichtig sind. "Ich finde es ziemlich cool", sagt Tutia Schaad, "wenn ich eine Hannah Herzsprung zufällig auf der Straße treffe, und sie hat unsere Kleidung an."

Ausgeklügelte Muster

Beide Frauen sind über das Zeichnen zu ihrer Berufung gekommen. Johanna Perret hat als Kind ausgeklügelte Muster gemalt, mit einem verschönerte sie einen ungeliebten riesigen Spiegel der Großeltern so sehr, dass diese ihn danach behielten. Tutia Schaad zeichnete als allein aufwachsendes Kind Menschen, Tiere, Kleider, "vielleicht weil es in Vietnam gar nicht so viele davon gab", sagt sie. Aus dem Defizit wurde Besessenheit - für Trends, die sie als Teenager in der Zeitschrift 20 ans aufsog, in der Aufsätze von Michel Houllebecq neben Modestrecken standen.

Elle Topmodel hat sie gelesen, wirft Johanna Perret ein - und erinnert sich, wie ihr Vater von einer Geschäftsreise dieses Magazin mitbrachte. Die 14-Jährige sog die Bilder auf: von Supermodels der 1990er-Jahre wie Tatjana Patitz, Christy Turlington, Claudia Schiffer. "Ich habe mir die unters Kopfkissen gesteckt." Wo wahre Schätze hingehören. Johanna Perret ist heute den ersten Tag wieder im Büro. Vier Wochen alt ist ihr Baby, einmal schreit es kurz, dann bringt es der Vater hinunter, die fünf Etagen Treppe, es gibt keinen Aufzug, nur ein schmales Geländer, dunkelbraune Plastiknoppen auf den Stufen, rotbraune Ziegelsteine an den Wänden. Der Weg nach unten oder eben auch wieder nach oben ist gut, um die Welt abzustreifen, sich auf das Selbst zu konzentrieren, das Wesentliche. Perret Schaad erarbeiten sich so die Umgebung jeden Tag mit ihren eigenen Beinen - Schritt für Schritt. Das kann für ihre Mode nur gut sein.

Oben gibt es zur Belohnung Käsekuchen. Hat Johanna Perret selbst gebacken, "ohne Waage", wie sie anmerkt. Die brauchte ihre Kodesignerin, um ein Kleiderpaket für den US-Zoll zu wiegen. "Ich kann gut essen, Johanna gut kochen", sagt Tutia Schaad. Das Käsesoufflé der französischen Oma soll angeblich ein Traum sein.

Männliche Vornamen

Gegensätze ziehen sich an, ergänzen sich. Die gebürtige Vietnamesin ist diejenige, die forsch Sachen anpackt, die Deutschfranzösin diejenige, die nach der Machbarkeit fragt. Ein kreatives Vor und Zurück. Gutes Beispiel, als Tutia Schaad einen ihrer Klassiker vorführt: Rouven heißt das Modell, eine grau-grüne Bluse aus Kreppseide, hinten und an den Ärmeln ein kleiner Schlitz mit einem Knopfverschluss. "Da ist ein Fleck drauf", sagt Johanna Schaad sofort, als das Sonnenlicht auf diese federleichte Bluse fällt, und fühlt sich dann ertappt, weil sie zuerst nur die Macken sieht. "Wenn ich einen Brief lese, entdecke ich immer als Erstes die Rechtschreibfehler."

Tutia Schaad lacht. Sie trägt zu den dunklen Hosen eine feuerrote Bluse, das ist Jerome, auch ein Verkaufsschlager aus ihrer Hand. Obwohl sie exklusiv für Frauen entwerfen, haben alle Entwürfe männliche Vornamen von ihnen bekommen. "Ist doch praktisch", findet Perret. "Wenn uns jemand fragt: Hast du noch die Hose aus der ersten Kollektion mit der Falte an der Seite? Dann kann ich sagen: Ach, du meinst Micha!" Erst gingen sie die Namen der Familie durch, dann die der Freunde, schließlich die von Freunden der Mitarbeiter. Nach fünf Jahren und zehn Kollektionen wird es langsam eng.

Bei Givenchy kennengelernt

Die beiden Absolventinnen der Hochschule hatten sich erst in der Diplomphase kennengelernt, sie arbeiteten zusammen unter Ricardo Tisci bei Givenchy während ihres Praktikums. Zwei Wochen vor der Modenschau, in denen der Designer sie erst in getrennten Zimmern unterbrachte, als wollte er prüfen, wie sie arbeiteten - und sie schließlich in ein Team mit seinen Leuten zusammenführte, mit viel Tamtam und den Worten: "Die Berliner Mauer ist gefallen."

Als Perret Schaad gegründet wurde, war das ein spontaner Entschluss. Die beiden jungen Frauen stießen nach Ende des Studiums in ein Vakuum. Berlin dürstete nach Mode, die Fashion Week war gerade aus der Taufe gehoben und suchte junge Talente. Die Generation Berlin - ein ideelles Netzwerk von Modeschöpfern wie Michael Sontag, Lala Berlin, Mongrels in Common - stand in den Startlöchern. Und die Fachbesucher registrierten die neue Eleganz aus Berlin, eine Qualität, die es auf den Straßen Berlins sonst nicht gab.

Perret Schaad kreierten von Beginn an nicht nur Hosen, Blusen und Röcke, sondern auch ein paar Abendkleider. "Heute habe ich in der U-Bahn eine junge Frau in einem kamelfarbenen Kaschmirmantel gesehen", sagt Tutia Schaad. "Das hätte es vor zehn Jahren nicht gegeben." Dass Berlin ein weniger eleganter leuchtet - ein Hauch Paris in sich trägt -, das haben die Bewohner der Stadt auch dem Designerduo zu verdanken. Das sich nun allerdings nicht zurückzieht in diese unperfekte Metropole, die sich vor ihrem Fenster ausbreitet.

Wenn immer sie können, reisen sie, saugen die Welt auf, holen sich Inspirationen. New York, Sri Lanka, Brasilien. Die Kollektion für diesen Sommer ist eine Hommage an die sommerliche Frische der Riviera - mit weiß-blauen Kontrasten und raffinierten Schnitten. Gerade erst ist Tutia Schaad von einem Urlaub in Vietnam zurückgekommen, sie schwärmt von Saigon, den Curry- und Senffarben der Kolonialgebäude, wie sich diese Gelbtöne gegen das krasse Blau von Plastiktischen abheben, und sagt: "Das könnte eine Farbe für die nächste Kollektion sein."

Ihre drei Stoffpuppen, von Stockman aus Paris bestellt, haben gerade keine Kleidung an. Sie stehen wie arbeitslose Soldaten in Reih und Glied, an ihnen beginnt der Prozess des Drapierens, Anpassens und Zuschneidens. Die nächste Kollektion wartet. Es wird Zeit. (Ulf Lippitz, Rondo, DER STANDARD, 13.3.2015)

  • Haben sich bei einem Praktikum bei Givenchy in Paris kennengelernt: Johanna Perret (rechts) und Tutia Schaad. Beide sind Anfang 30.
    foto: juliane eirich

    Haben sich bei einem Praktikum bei Givenchy in Paris kennengelernt: Johanna Perret (rechts) und Tutia Schaad. Beide sind Anfang 30.

  • Die aktuelle Frühlingskollektion des Berliner Modelabels Perret Schaad ist eine Hommage an die sommerliche Frische der Riviera.
    foto: perret schaad

    Die aktuelle Frühlingskollektion des Berliner Modelabels Perret Schaad ist eine Hommage an die sommerliche Frische der Riviera.

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