Forscher entdecken bisher unbekanntes Pestivirus in Ziegen und Schafen

10. März 2015, 14:05
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Neues Virus zeigt enge Verwandtschaft zum Erreger der Klassischen Schweinepest

Deutsche Forscher haben bei Ziegen und Schafen eine bisher unbekannte Pestivirusspezies entdeckt. Wie die Wissenschafter vom Institut für Virologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) gemeinsam mit türkischen Kollegen im Fachmagazin "Emerging Infectious Diseases" schreiben, zeigt der Erreger eine erstaunlich enge Verwandtschaft zum Virus der Klassischen Schweinepest. Eine Übertragung dieser Viren auf Schweine könnte daher ernste Konsequenzen für die Überwachungs- und Bekämpfungsprogramme der Klassischen Schweinepest haben, so die Forscher.

Zu den Pestiviren zählen zahlreiche veterinärmedizinisch relevante Virusspezies, darunter auch das Border Disease Virus (BDV), das bei Schafen und Ziegen auftritt, das Virus der bovinen Virusdiarrhö (BVDV-1, BVDV-2) und das Virus der Klassischen Schweinepest (KSP). Nun konnten Wissenschafter in Blutproben von Schaf- und Ziegenherden aus unterschiedlichen türkischen Provinzen Antikörper nachweisen, die in hohem Maße mit KSP-Viren reagierten. "Diese Entdeckung hat uns beunruhigt und gleichzeitig neugierig gemacht", berichtet TiHo-Leiter Paul Becher. "Der Fund deutete auf eine mögliche Infektion der Tiere mit Klassischer Schweinepest hin. Bislang beschränkt sich das Schweinepestvirus aber auf Haus- und Wildschweine. Wären die Schafe und Ziegen mit dem KSP-Virus infiziert gewesen, hätte es bedeutet, dass das Virus auf andere Spezies übergegangen ist."

Gegen diese Theorie sprachen allerdings die klinischen Symptome der infizierten Tiere, die eher auf eine Infektion mit dem Border Disease Virus schließen ließen: Fruchtbarkeitsstörungen, Aborte, Missbildungen und zentralnervöse Ausfallerscheinungen bei den Nachkommen. Mittels molekularbiologischer Methoden entschlüsselten die Wissenschafter die kompletten Genome von zwei Virusisolaten aus den betroffenen Beständen. Die Forscher fanden über Verwandtschaftsanalysen schließlich heraus, dass diese Viren Vertreter einer neuen Pestivirusspezies sind. Genetisch ist die neue Spezies mit Schweinepestviren ähnlich eng verwandt wie mit den Border Disease Viren.

Problem für KSP-Überwachungsprogramme

Darüber hinaus zeigte sich, dass Antikörper, die nach einer Infektion mit den neu entdeckten Pestiviren entstehen, den KSP-Virus-spezifischen Antikörpern ähnlicher sind als Antikörpern nach Infektionen mit dem Border Disease Virus. Damit sind die Antikörper gegen diese neu entdeckten Viren mit herkömmlichen serologischen Testmethoden nicht von solchen nach einer Infektion mit KSP zu unterscheiden. Für die KSP-Überwachungsprogramme, aber auch für die wissenschaftliche Begleitung von Impfkampagnen, die in vielen Ländern durchgeführt werden, sind aber genau solche serologischen Tests unverzichtbar. Eine Übertragung von solchen Pestiviren auf Schweine und deren Ausbreitung in Haus- und Wildschweinen wäre damit ein ernstes Problem für die etablierten KSP-Bekämpfungsstrategien.

Doch zunächst gaben die Wissenschafter Entwarnung: "Experimentelle Infektionen an Schweinen lieferten keine Hinweise auf eine effiziente Virusvermehrung und Ausscheidung und lösten auch keine Krankheitssymptome aus", erklärte Becher. Dennoch sind diese neu entdeckten Viren, da sind sich die Wissenschafter einig, auch wegen der hohen Mutationsrate dieser RNA-Viren mögliche Kandidaten für einen Wirtswechsel. (red, derStandard.at, 10.3.2015)

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