Können Nasentropfen süchtig machen?

10. März 2015, 12:27
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Mehrmals täglich Nasentropfen nehmen, obwohl die Erkältung längst vorbei ist: Der "Arzneimittelschnupfen" dürfte ein weit verbreitetes Phänomen sein

Es begann alles ganz harmlos: Mit einer Erkältung. Wie üblich griff Patientin XY auch diesmal zu abschwellenden Nasentropfen. Den Standardsatz des Apothekers "Nicht länger als eine Woche am Stück und maximal zwei bis dreimal täglich nehmen", hatte die 47-jährige Akademikerin zwar gehört, aber nicht wirklich ernst genommen. Wichtiger war die befreiende Wirkung. "Endlich wieder durch die Nase atmen können", war das einzige, was zählte. Doch diesmal blieb sie "hängen". "Ich hatte beruflich viel Stress. Was ich in dieser Zeit gar nicht brauchen konnte, war eine verstopfte Nase. Deshalb nahm ich die Tropfen deutlich länger als eine Woche", erzählt sie ihrem Arzt. Insgesamt sind nun bereits vier Jahre vergangen, an denen sie sich mehrmals täglich ihre befreiende Dosis Oxymetazolinhydrochlorid in die Nase spritzt. Vier Jahre. Jeden Tag. Mehrmals.

Als "Nasentropfen-Junkie" ist sie kein Einzelfall. So wie ihr geht es wohl tausenden Österreichern. Genaue Zahlen gibt es keine. In Deutschland spricht die Deutsche Hauptstelle für Suchfragen (DHS) von mindestens 100.000 "Abhängigen", Experten schätzen die Dunkelziffer allerdings um das Zehnfache höher ein. Nicht zuletzt sind abschwellende Nasentropfen und -sprays auf der Hitliste der am meisten verkauften rezeptfreien Arzneimittel ganz oben zu finden.

Schlimmstenfalls droht Operation

Abschwellenden Nasentropfen oder -sprays, enthalten als Wirkstoff Xylometazolinhydrochlorid, Oxymetazolinhydrochlorid oder Phenylephrin. Diese führen - ähnlich wie Adrenalin - zu einer Vasokonstriktion. Das heißt, die Blutgefäße verengen sich, die Nasenschleimhaut schwillt ab und trotz Schnupfen kann wieder befreit durchgeatmet werden.

"Werden solche Arzneimittel über einen längeren Zeitraum verwendet, schwächt sich ihre Wirkung ab. Das führt dazu, dass Betroffene die Tropfen weiterhin nehmen und die Dosis erhöhen, da sich der abschwellende Effekt nur mehr kurzfristig einstellt. Das ist ein Teufelskreis der unbedingt vermieden werden sollte", erklärt Wolfgang Gstöttner, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten. Demnach kehrt sich die Wirkung der Medikamente bei längerem Gebrauch in ihr Gegenteil um. Die Folge ist der sogenannte "Arzneimittelschnupfen", in Fachkreisen auch unter den Begriffen "Rhinitis medicamentosa" und "Privinismus" bekannt.

Als Worst-Case-Szenario des medikamentös induzierten Schnupfens wird in einschlägigen Internetforen immer wieder vom Verlust des Geruchssinns gesprochen. Diese Sorge teilt HNO-Arzt Gstöttner nicht: "Eine direkte Schädigung des Riechepithels findet durch die Nasentropfen nicht statt, aber mit dem Privinismus verschlechtert sich das Riechvermögen." Ungefährlich ist ein langfristiger Abusus dennoch nicht: "Unter Umständen ist es notwendig, die stark hypertrophe Schleimhaut chirurgisch zu reduzieren. In solchen Fällen dürfen nie wieder derartige abschwellende Medikamente eingenommen werden", betont der Mediziner.

Keine Sucht, sondern Gewöhnung

Auch wenn viele Betroffene das Gefühl haben, süchtig nach Nasentropfen oder -sprays zu sein, handelt es sich hier nicht um eine substanzbezogene Abhängigkeit. Mediziner sprechen vielmehr von einem Gewöhnungseffekt, wonach sich die Rezeptoren, die üblicherweise das Abschwellen der Nasenschleimhäute bewirken, abbauen und die Vasokonstriktion nur mehr über das Medikament erreicht werden kann.

Neben den gesundheitlichen Schäden, gibt es auch die psychischen Belastung: "Ohne Nasentropfen unterwegs zu sein, geht gar nicht. Habe ich sie zu Hause vergessen, fahre ich entweder wieder heim oder ich sorge in der nächstbesten Apotheke für Nachschub", berichtet die 47-jährige Betroffene. Das ist mitunter nicht ganz so einfach, wie es klingt: "Damit meine ‚Sucht‘ nicht auffällt, versuche ich immer in unterschiedlichen Apotheken einzukaufen. Das kann mitunter ganz schön enervierend sein", ergänzt die Akademikerin.

Möglichkeiten zur Entwöhnung

Die einzig wirksame Therapie gegen "Arzneimittelschnupfen" liegt im Absetzen des Medikaments. Wolfgang Gstöttner empfiehlt hier unterschiedliche Strategien: "Eine Alternative sind Ersatzmittel, wie Meersalzlösungen. Die haben zwar keine abschwellende, aber zumindest eine reinigende Wirkung. Notfalls kann auch einmal ein Cortisonspray verwendet werden, da es keinen gewöhnungserzeugenden Effekt hat und die Entzündung ein wenig hemmt."

Eine Möglichkeit zur langsamen Entwöhnung besteht im Umstieg auf Kindertropfen, die den abschwellenden Wirkstoff in einer weitaus geringeren Dosis enthalten. Seit einem Jahr ist das auch die Strategie von Patientin XY, die nun nicht mehr für sich, sondern für ihre erfundene fünfjährige Tochter die Tropfen besorgt.

Wer dennoch glaubt, ohne Oxymetazolinhydrochlorid &Co nicht durchatmen zu können, sollte es laut dem HNO-Experten mit der "ein-Loch-Therapie" versuchen. Dabei wird das Arzneimittel zunächst nur mehr in ein Nasenloch eingetropft, so dass sich die Schleimhäute auf der anderen Seite inzwischen regenerieren können. Hat sich die Schwellung auf der unbehandelten Seite zurückgebildet, kann mit dem gänzlichen "Entzug" begonnen werden.

Einfach weglassen

Grundsätzlich hält Gstöttner abschwellende Nasentropfen für entbehrlich: "Was viele vergessen: Der Schnupfen ist ein wichtiges Training für unser Immunsystem. Deshalb gibt es ihn ja auch". Er selbst greift deshalb nie zu Substanzen, die kurzfristige Atmungsfreiheit bedeuten. Für ihn gilt der Grundsatz: "Ohne Nasentropfen dauert ein Schnupfen sieben Tage. Mit Nasentropfen genau eine Woche." (Günther Brandstetter, derStandard.at, 10.3.2015)

  • Abschwellende Nasentropfen sind zwar rezeptfrei, aber nicht unbedingt harmlos. Durch langfristige Einnahme können die Nasenschleimhäute so geschädigt werden, dass eine Operation notwendig ist.
    foto: apa/dpa/arno burgi

    Abschwellende Nasentropfen sind zwar rezeptfrei, aber nicht unbedingt harmlos. Durch langfristige Einnahme können die Nasenschleimhäute so geschädigt werden, dass eine Operation notwendig ist.

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