Falsche Panik der Panikmacher

Kommentar9. März 2015, 18:29
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Die Angst vor den Konsequenzen der EZB-Geldflut ist überzogen

Supermario traut sich also. Trotz aller Widerstände hat die Europäische Zentralbank (EZB) unter dem Italiener Mario Draghi begonnen, die Märkte mit Geld zu fluten. Die Notenbank in Frankfurt will ab sofort in jedem Monat Banken und Versicherungen Staatsanleihen und andere Finanzpapiere im Wert von rund 60 Milliarden Euro abkaufen. Ziel der EZB: Die Inflation soll wieder steigen, das Wachstum soll endlich anziehen. Die Notenbank ist bereit, mehr als eine Billion Euro für die Aktion auszugeben. Das Geld dafür schaffen sich die Währungshüter per Knopfdruck selbst.

Nicht zuletzt deshalb hört sich das Unterfangen für die meisten Bürger nach einer Mischung aus Größenwahn und Irrsinn an. Dieses Gefühl bestärken derzeit noch zahlreiche Ökonomen, besonders im deutschsprachigen Raum. Tenor ihrer Kritik: Das Programm der EZB sei hochriskant und dafür völlig wirkungslos.

Der Chef des Münchner Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn sieht den Euro auf dem Weg zur Weichspülerwährung à la Lira. Sein Kollege, Ex-EZB-Chefökonom Jürgen Stark, warnt vor einer Destabilisierung Europas. Die EZB sorgt mit ihren Käufen dafür, dass Rom und Madrid billiger an Kredite kommen werden. Genau das werde aber den Reformeifer in diesen Ländern zerstören, so Stark.

Weiters wird gewarnt, die EZB könnte die Inflation gefährlich anheizen und den Bankensektor zerstören. In der Frankfurter Allgemeinen stand sogar, dass die Europäer faul werden könnten. Wenn der Euro wie beabsichtigt an Wert verliert, werden Exporte von Autos, Flugzeugen und Kühlschränken aus dem Euroraum billiger. Dann gebe es aber auch keinen Grund mehr für Arbeitnehmer und Unternehmen, fleißig und innovativ zu sein, so die FAZ.

All die Panikmache scheint aus heutiger Sicht unbegründet zu sein. Jede wirtschaftspolitische Intervention mag mit unerwünschten Nebenwirkungen einhergehen. Doch die harschen Kritiker der EZB spielen allein mit Ängsten und Emotionen, haben aber keine Fakten auf ihrer Seite.

So existiert keine einzige Studie, die die angeblichen Gefahren der Notenbankinterventionen belegen könnte. Was es tatsächlich gibt, sind Erfahrungswerte mit ähnlichen Kaufprogrammen aus den USA, Großbritannien und Japan. Die Resultate waren zwar unterschiedlich - die Intervention der Bank of Japan war eher erfolglos, in den USA und in Großbritannien spricht man von Erfolgen -, aber in keinem der Länder stieg die Inflation gefährlich an. Von einer Auswirkung auf die Politik ( Stichwort "Reformeifer") ist nichts bekannt. Banken wurden nicht in die Pleite getrieben und von einer Faulheitswelle in den USA oder Japan ist nichts bekannt.

Warum also die Angstmache? Eine mögliche Antwort: weil man so in der Debatte am meisten Gehör bekommt. Bereits seit Ausbruch der Eurokrise tun sich Experten durch apokalyptische Szenarien hervor. 2010, als die ersten Probleme in Griechenland auftauchten, hieß es, die Währungsunion sei eine Fehlgeburt. 2011 warnten sogar Topökonomen wie Nouriel Roubini vor dem Ende der Eurozone, weil die Politik angeblich zu langsam agiere. Es folgte eine erste Panikwelle 2012 wegen einer drohenden Hyperinflation in Deutschland. Die Liste mit den nie eingetretenen Katastrophen ließe sich verlängern.

Es gibt sicher gute Gründe, Europas Antikrisenstrategie zu kritisieren. Die ständige Warnung vor einem bevorstehenden Desaster erschwert aber nur die seriöse Diskussion. (András Szigetvari, DER STANDARD, 10.3.2015)

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