Wiener Ärzte: Gestörtes Vertrauen

Kommentar9. März 2015, 17:43
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Sonja Wehselys Tatendrang sollte nicht auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen werden

Bei 87,44 Prozent Nein-Stimmen ist Misstrauen ein Hilfsausdruck. Das Ergebnis der Urabstimmung der Wiener Ärzte über ihren neuen Dienstvertrag zeigt: Sie haben weniger über eine Neuregelung ihrer Dienstorganisation abgestimmt als über ihre Arbeitsbedingungen. Und die sind zutiefst frustrierend.

Dabei wurde den Ärzten sogar ein höheres Grundgehalt angeboten, um die Einbußen durch wegfallende Nachtdienste zu ersetzen. Gleichzeitig sollen 382 Stellen eingespart werden, so bald wie möglich. Den Ärzten ist klar, ohne Begleitmaßnahmen wird das keine Entlastung für sie, sondern im Gegenteil: eine Belastung. Weniger Ärzte bedeutet nicht weniger Patienten. Die geplanten Umstrukturierungen sind nichts anderes als ein Synonym für Sparen.

Es gibt Reformbedarf an Wiens Spitälern. Aber längst überfällige Maßnahmen zur Bedingung für ein faires Gehalt zu machen, für die, die ohnehin am Limit arbeiten, ist unfair. Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely sieht jetzt die Chance für Reformen. Doch ihr Tatendrang sollte nicht auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen werden.

Die Ärzte haben Nein gesagt. Wehsely stößt mit ihrem Nein zu Nachverhandlungen 3.200 Ärzte vor den Kopf. Sie mutet auch zehntausenden Patienten noch längere Wartezeiten zu. Beide Gruppen sind nicht nur Leidtragende der Umstände - sie sind auch Wähler. Das könnte Wehsely schmerzen. (Marie-Theres Egyed, DER STANDARD, 10.3.2015)

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