Das Duell um Klagenfurt

Kommentar der anderen9. März 2015, 17:04
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Die Stichwahl in Klagenfurt am kommenden Sonntag ist mehr als ein kommunales Ereignis: Fällt die letzte blaue Hochburg, gibt es die erste rote Bürgermeisterin einer Landeshauptstadt

Während Kärnten von seiner Vergangenheit überholt wird, zeigt Klagenfurt, was hier noch anders ist: Erst unterstützt ein grünes Urgestein den blauen Bürgermeister, dann erhält dieser eine Empfehlung vom pinken Spitzenkandidaten. Denn am 15. März entscheidet sich, ob ein Freiheitlicher weiter an der Spitze einer Landeshauptstadt bleibt, oder ob erstmals die SPÖ eine Frau in eine solche Position bringt.

Prototypisch provinziell

Die Stichwahl zwischen Christian Scheider und Maria-Luise Mathiaschitz ist aber mehr als bloß ein Sittenbild von Kärnten im Allgemeinen und Klagenfurt im Besonderen. Sie steht prototypisch für die anhaltende Frauenfeindlichkeit von Politik insgesamt und ihrer provinziellen Ausprägung ganz speziell.

"Ein böses Weib." Gegen diese Flüsterpropaganda muss Mathiaschitz seit jeher ankämpfen. Der fatale Flurfunk stammt nicht nur vom politischen Gegner. Auch missgünstige Parteifreunde geraten zu nützlichen Idioten in einer allzu kleingeistigen Mittelstadt, wo patriarchalische Strukturen erst langsam aufbrechen.

Das erinnert an historische Ereignisse in der nächstgrößeren Kommune Innsbruck. Als dort Hilde Zach 2002 vorerst noch vom Gemeinderat zur ersten Bürgermeisterin einer Landeshauptstadt gewählt wurde, glaubten die Herren Gegner an eine kurze Episode - sowohl der Person als auch ihrer ÖVP-Abspaltung. Mittlerweile ist diese volkstümliche Politikerin (sie verstarb 2011) legendär, ihre von der gleichen Liste stammende Nachfolgerin steht an der Spitze einer Dreierkoalition, und Innsbruck ist eine Vorzeigestadt.

"Ein böses Weib." Mit diesem perfide verbreiteten Imagegift wurde 2012 versucht, die Direktwahl von Christine Oppitz-Plörer und ihre Bestätigung als Bürgermeisterin in der Heimat der Schwarzmander zu verhindern. Vergeblich. An dieses gute Omen glaubt nun die rote Maria-Luise Mathiaschitz am Wörthersee, wo sie als klarer Gegenentwurf zum Klagenfurter Amtsinhaber Christian Scheider auftritt. 31 zu 30 Prozent steht es nach dem ersten Wahlgang - noch für ihn. 2009 hatte er da schon mit 41 zu 24 Prozent geführt und dann in der Stichwahl haushoch gewonnen. Nun aber ist ihre SPÖ an seiner FPÖ vorbeigezogen und strebt eine Dreierkoalition mit Volkspartei und Grünen an. Doch beide erklären sich bisher nicht.

Mindestens so sehr wie die Grünen, von denen ein aussortierter Ex-Gemeinderat den blauen Bürgermeister öffentlich unterstützt, verblüfft die ÖVP mit ihrer Zurückhaltung. Denn die Ärztin Mathiaschitz wirkt in ihrem gesamten Habitus deutlich bürgerlicher als Scheider, der einstige Tennislehrer von Jörg Haider. Doch der Rot-Reflex der Schwarzen ist hier so ausgeprägt, dass sogar der Neos-Spitzenkandidat für ein angeblich bürgerlich-städtisches Gegengewicht zur Koalition von SPÖ, ÖVP und Grünen im Land auftritt.

Genau dort enden die Parallelen von Klagenfurt zu Innsbruck, wo die Bürgermeisterin und Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) in heftigster Rivalität zueinander agieren. In Kärnten ist Peter Kaiser (SPÖ) der beste Wahlhelfer für die Spitzenkandidatin in seiner Heimatstadt.

Nachzüglerpartei

Seit 42 Jahren regiert hier kein SPÖ-Bürgermeister mehr. Wenn Maria-Luise Mathiaschitz diesen Marathon an politischer Enthaltsamkeit im Spitzenamt beendet, ist sie die erste Sozialdemokratin an der Spitze einer Landeshauptstadt. Neben den Innsbruckerinnen war bisher die ÖVP-Politikerin Andrea Fraunschiel in Eisenstadt (2007-2011) die einzige Frau in einem solchen Job. Eine seltsame Vorreiterinnenrolle für die feministische Nachzüglerpartei.

Doch das Paradoxon hat Tradition: Die ÖVP stellte die erste Bundesratspräsidentin (Johanna Bayer, 1953), die erste Bundesministerin (Grete Rehor, 1966-1970), die erste Landtagspräsidentin (Johanna Preinstorfer, 1979-1991) und die erste Landeshauptfrau (Waltraud Klasnic, 1996-2005). Lediglich im Nationalrat waren die Sozialdemokraten mit Präsidentin Barbara Prammer (2006-2014) schneller - auch sie ein Krebsopfer wie Hilde Zach, die ihr Amt am Weltfrauentag 2010 übergab.

Da die ÖVP noch nie eine Frau an der Parlamentsspitze hatte, fehlt der SPÖ - falls Mathiaschitz Bürgermeisterin wird - aber insgesamt eine symbolträchtige Männerbastion weniger als ihrem ewigen Sozialpartner: Bundespräsidentin und Bundeskanzlerin. (Peter Plaikner, DER STANDARD, 10.3.2015)

Peter Plaikner (52) ist Medienberater und Politikanalytiker mit Standorten in Innsbruck, Klagenfurt und Wien sowie Lehrgangsmanager für Politische Kommunikation an der Donau-Uni Krems.

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