Liebe, schwer geschultert

9. März 2015, 17:26
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Farblos, aber doch von großer Wirksamkeit: "Geschichten aus dem Wiener Wald" im Stadttheater Klagenfurt

Klagenfurt - Therese Affolters Großmutter waltet in ihrer Wachauer Winzerkeusche hart und knorrig wie ein Naturgesetz. Pauline Knof ist eine Marianne von der Zerbrechlichkeit jener Puppen, die ihr Vater, der halsstarrige Zauberkönig (Johannes Flaschberger), immer schlechter an den Mann bringt.

Nur die lebenskluge Trafikantin Valerie (Irene Kugler) arrangiert sich irgendwie mit allem, mit der Weltwirtschaftskrise ebenso wie mit dem nostalgisch altösterreichischen Rittmeister des Maximilian Achatz und seinem politischen Gegenspieler, dem schon erschreckend siegessicheren Kasseler Jungnazi (Nicolai Despot): Es sind vor allem die darstellerischen Leistungen, die Ödön von Horváths herzzerreißende Geschichten aus dem Wiener Wald am Klagenfurter Stadttheater jetzt zu einem gültigen, achtbaren Bühnenereignis machen. Und ein Sahnehäubchen hat diese Produktion auch: Die grandiose Art, in der Primus Sitter und Kollegen Walzermotive behandeln, ohne ihre Jazz-Seele zu verraten - das ist mehr als Wiener Wald.

Theater als Konzert

Man könnte, wenn die Bühne drei Stunden lang schwarz bliebe, den Abend auch als Konzert genießen. Sie bleibt allerdings drei Stunden lang grau. Regisseurin Lore Stefanek und ihr Bühnenbildner Etienne Pluss haben vielleicht zu lange nachgedacht. Es blieb ein Abstraktum, ein auswegloser Winkel aus zwei Mauern, karg und ganz schön unsinnlich.

Im Detail ist die Inszenierung sehr genau. Wenn der Zauberkönig erste Anzeichen einer Konjunkturerholung verkündet, schlägt es ihn der Länge nach hin. Aber eigentlich sollte hinter dem Ausbruchsversuch Mariannes ja der Lebenshunger stehen. Dass Stefanek dieses gequälte Wesen im Maxim nicht ausstellt, sondern in den Schutz einer Art von Turnriege nimmt, mag als weibliche Solidarität noch angehen. Es würde halt jedes Varieté in den Ruin treiben. Wenn aber auch die Badeszene an der Donau so sachlich bleibt, fährt das Mobil der Horváth'schen Handlung doch nur mehr auf drei Töpfen.

Erstaunlich, wie unbeirrt die Produktion dennoch ihr Ziel erreicht. Der dumpfe Fleischer Oskar schultert das Opfer seiner Liebe, das unter der Nachricht vom Tod des kleinen Leopold zusammengebrochen ist, wie eine Schweinshälfte, die er in seinen Laden trägt. Das Drama von Unterdrückung und Engstirnigkeit verfehlt seine Wirkung nicht. Und das Publikum bedankt sich bei den Darstellern mit einem anfangs betroffenen, dann aber immer wärmeren, langen Applaus. (Michael Cerha, DER STANDARD, 10.3.2015)

  • Der Wagen leer, das Kind tot: Marianne (Pauline Knof) wirft in "Geschichten aus dem Wiener Wald" aus gutem Grund nach der Großmutter (Therese Affolter).
    foto: karlheinz fessl

    Der Wagen leer, das Kind tot: Marianne (Pauline Knof) wirft in "Geschichten aus dem Wiener Wald" aus gutem Grund nach der Großmutter (Therese Affolter).


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