Ärzte-Verhandler: "Hätte auch mit Nein gestimmt"

Video9. März 2015, 16:11
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Vor einem Monat hat er den Kompromiss noch unterschrieben, jetzt würde er ihn auch ablehnen, sagt Thomas Szekeres

STANDARD: Wie erklären Sie sich, dass so viele Ärzte gegen den neuen Dienstvertrag gestimmt haben?

Thomas Szekeres: Die Reduktion der Nachtdienste und eine Personalreduktion sind nur möglich, wenn ich den Betrieb umorganisiere. Man hat aber begonnen, zu reduzieren und Pläne für eine Reduktion zu machen, ohne irgendeine Idee zu haben, wie ich den Betrieb neu organisiere. Das kann nicht funktionieren.

STANDARD: Ende Jänner unterschreiben Sie ein Papier, das Sie Anfang März ablehnen – sollte sich Stadträtin Sonja Wehsely da nicht gefrotzelt fühlen?

Szekeres: Die Vereinbarung wurde, noch bevor sie in Kraft getreten ist, gebrochen. Es wurden erste Schritte gesetzt, um Nachtdienste und Personal zu reduzieren – und das ohne Änderung der Rahmenbedingungen. Ich kann aber nicht Arbeitszeit reduzieren und den Leistungsumfang gleich lassen.

derstandard.at/von usslar
Thomas Szekeres zum Dienstvertrag und Arbeitsbedingungen der Ärzte

STANDARD: Hätten Sie konkrete Zusagen verlangen müssen, welche Abfederungsmaßnahmen wann passieren sollen?

Szekeres: Wir haben Rahmenbedingungen definiert, die in der Vereinbarung stehen. Diese Maßnahmen gehören umgesetzt, bevor ich auch nur andenken kann, Nachtdienste zu reduzieren.

STANDARD: Sie haben die 12,5-Stunden-Schichten kritisiert. Warum eigentlich?

Szekeres: Diese Schichten von morgens bis abends sind in vielen Bereichen notwendig, aber nicht in allen. Und was ich damit erreiche, ist: Der Personalbedarf steigt und sinkt nicht.

STANDARD: Fehlende Ärztedienstzeit soll durch mehr Pflege ausgeglichen werden. Mehr Pflegende einzustellen wird aber nicht von heute auf morgen gehen. Wann soll frühestens mit Personalreduktion begonnen werden – in einem halben Jahr?

Szekeres: Ich glaube nicht, dass es in einem halben Jahr machbar ist. Wenn ich jetzt schon einen Ärzte-Engpass habe und in sieben Jahren wirklich viele Ärzte in Pension gehen, muss ich mich darauf einstellen.

STANDARD: Konkret: Wie viele Jahre Übergangsfrist verlangen Sie?

Szekeres: Wie lang es dauern wird, um Pflegekräfte zu finden, müssen Sie das KAV-Management fragen – wobei ich nicht allzu viel Vertrauen in das Management habe, nach dem, was ich in den letzten Wochen gesehen habe.

STANDARD: Haben Sie in den letzten Wochen Fehler gemacht?

Szekeres: Wir haben Rahmenbedingungen definiert, ohne die es nicht geht.

STANDARD: Sind Sie zufrieden mit Ihrer Verhandlungsführung?

Szekeres: Ich kann verstehen, warum die Kollegen mit Nein gestimmt haben, weil die Inhalte des Vertrags in den letzten Wochen nicht so umgesetzt wurden, wie drinsteht. Das heißt: Der Vertrag wurde nicht eingehalten. Ich hätte auch mit Nein gestimmt.

STANDARD: Wie wird es jetzt weitergehen?

Szekeres: Fast 90 Prozent haben dieses Papier für nicht zufriedenstellend befunden, dadurch ist es für die Ärztekammer nicht gültig. Die Stadträte müssen sich mit den Kritikern hinsetzen und zu einer machbaren und akzeptierten Vereinbarung kommen.

STANDARD: Sind Streiks möglich?

Szekeres: Der Betrieb funktioniert ohne Vereinbarung nicht – und wir haben alle ein Interesse daran, dass das Gesundheitssystem weiter funktioniert. (Maria Sterkl, 9.3.2015)

THOMAS SZEKERES

ist Präsident der Wiener Ärztekammer. Er hat die Rahmenvereinbarung für die künftigen Dienstverträge der Spitalsärztinnen und -ärzte ausverhandelt und Ende Jänner unterschrieben. Diese Vereinbarung wird nun von den Ärzten abgelehnt.

Zum Thema:

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Kommentar:

Nach der Urabstimmung: Wiener Spitalsärzte zurück an den Start - Von Conrad Seidl

  • Die Stadt Wien habe sich nicht an die Vereinbarung mit den Ärzten gehalten, sagt Kammer-Präsident Thomas Szekeres.
    foto: apa/helmut fohringer

    Die Stadt Wien habe sich nicht an die Vereinbarung mit den Ärzten gehalten, sagt Kammer-Präsident Thomas Szekeres.

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