Rotkreuz-Chef: "Millionen brauchen in IS-Gebieten Hilfe"

Interview11. März 2015, 07:00
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Yves Daccord über gefährdete Neutralität und steigende Gefahren für Helfer in Krisenregionen

Allein im Februar wurden zwei Freiwillige und ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes im Südsudan ermordet. Die Ebola-Helfer werden in den betroffenen Ländern durchschnittlich zehnmal pro Monat attackiert, und in Syrien verloren seit Beginn des Konflikts 47 Freiwillige der Hilfsorganisationen ihr Leben.

In einer Aussendung spricht das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und den Roten Halbmondorganisationen davon, dass das Zeichen ihrer Organisationen und somit internationale Gesetze nicht mehr respektiert werden. Der Generaldirektor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Yves Daccord, über die Herausforderungen an humanitäre Helfer in einer Welt voller Konflikte, die immer komplexer werden.

STANDARD: Einer der Grundpfeiler der humanitären Hilfe ist Neutralität. Ist dieser Pfeiler in Gefahr, da immer mehr humanitäre Helfer in politische Konflikte hineingezogen werden, zum Beispiel als Geiseln oder auf andere Weise?

Daccord: Das Prinzip der Neutralität wurde immer herausgefordert. Vor allem während komplexer Konflikte, wo mehrere Seiten involviert waren. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass man dieses Prinzip beibehält und dort hilft, wo man einen Unterschied machen kann. Es ist nett, dass man dieses Prinzip einfordert, aber man muss es auch in der täglichen Arbeit zeigen und sich dafür einsetzen.

Man muss den Bedürftigen auf allen Seiten eines Konflikts helfen und jenen eine Stimme geben, die am wehrlosesten sind. Im Irak sind es etwa immer noch acht bis zehn Millionen Menschen in von der IS kontrollierten Gebieten, die humanitäre Hilfe brauchen. Das Prinzip der Neutralität schützt aber auch. So erlaubt es den Helfern sich darauf zu berufen und nicht in Konflikte hineingezogen zu werden.

STANDARD: Die Gewalt gegen humanitäre Helfer breitet sich weltweit aus verschiedenen Gründen aus. Was muss geschehen, damit sie geschützt werden?

Daccord: Es gibt in letzter Zeit große Spannungen. Der Druck auf die Menschen in Krisengebieten ist enorm. Um in den Konflikten tätig sein zu können, kommt es auf ein paar Punkte an. Zum Ersten ist es wichtig, dass die Leute unsere Aufgabe verstehen. Humanitäre Hilfe ist limitiert und kann keine politischen Krisen lösen. Das ist die Aufgabe der Diplomatie oder Politik.

Zum Zweiten kann etwa das Internationale Komitee vom Roten Kreuz die Mitarbeiter trainieren, sie auf die Einsätze vorbereiten und daran arbeiten, dass ihnen vertraut wird. Den Großteil der Arbeit leisten die Helfer dann aber selbst vor Ort. Wir dürfen nicht naiv sein, die Welt verändert sich nicht, und es liegt an uns, unsere Prinzipien zu zeigen und zu verteidigen.

STANDARD: Wie schwer ist es, neutral zu bleiben, wenn man etwa mögliche Routen für Hilfslieferungen mit Terrorgruppen wie dem "Islamischen Staat" verhandeln muss?

Daccord: Es ist überraschenderweise leicht, sich hinzusetzen und darüber zu verhandeln und dabei neutral zu bleiben. Das ist auch so etwas wie ein Schutz, der garantiert, dass man Ja oder Nein sagen kann. Diese Verhandlungen müssen stattfinden, damit den Menschen geholfen werden kann.

STANDARD: Wo sind humanitäre Helfer vor allem in Gefahr, und was sind Gründe dafür?

Daccord: Es gibt traurigerweise die klassischen Konflikte wie Afghanistan, Jemen, Südsudan oder Syrien. Vor allem dort, wo es zu gewalttätigen Situationen zwischen Konfliktparteien kommt und es um die Ausweitung von territorialer Kontrolle geht, sind Helfer in Gefahr. Das ist nichts Neues, aber trotzdem hart.

In Guinea, Sierra Leone und Nigeria ist es seit dem Ebola-Ausbruch nicht einfach zu arbeiten. Es gibt ernsthafte Probleme, den Menschen zu erklären, warum sie die Leichen ihrer Eltern nicht neben ihrem Haus begraben dürfen, sondern diese von fremden Menschen, die Schutzanzüge tragen, in Plastiksäcke verpackt, desinfiziert und beerdigt werden. Auch die Gerüchte, dass die Krankheit von westlichen Helfern eingeschleppt wurde, konnten schwer ausgeräumt werden. Es ist und bleibt ein sehr riskanter Job.

STANDARD: Gibt es eine Verbindung zwischen "vernachlässigten Krisen" und der Gewalt gegen Hilfsarbeiter aufgrund der fehlenden Aufmerksamkeit für gewisse Regionen?

Daccord: Ich würde keine Verbindung sehen. Die Dinge passieren so schnell, und es gibt kein nachhaltiges Interesse an gewissen Krisen. Was mir wirklich große Sorgen bereitet, ist der Zugang für humanitäre Helfer und dass sie ohne Druck arbeiten können. Vor allem Mitarbeiter des Gesundheitswesens werden immer mehr Ziel von Anschlägen. Es ist wichtig, dass man das den Menschen nachhaltig bewusst macht.

STANDARD: Vor allem durch das Spendenaufkommen insbesondere durch Private nach dem Tsunami 2004 in Südostasien hat sich gezeigt, dass manche Krisen zu viel und manche viel zu wenig Geld bekommen. Gibt es Überlegungen, die Gesetzgebung zu ändern, dass Spendengelder nur in das Land fließen dürfen, wofür sie gespendet wurden – selbst wenn die humanitären Hilfseinsätze dort bereits überfinanziert sind?

Daccord: Das ist eine interessante und komplexe Frage. Ich sage, dass das ein politisches Thema ist und es nicht um das Fehlen von Gelde geht. Die Geberländer müssen sich entscheiden, welchen Krisen sie wie und in welcher Geschwindigkeit ihre Aufmerksamkeit schenken wollen. In Österreich gibt es etwa eine großzügige Bevölkerung und einen Staat, der sich vor allem durch internationale Diplomatie auszeichnet und dessen humanitäre Hilfe limitiert ist. Vielleicht brauchen wir Finanzierungen, die direkt in Länder fließen und nicht eine Agenda erfüllen. (Bianca Blei, DER STANDARD, Langfassung, 11.3.2015)

Yves Daccord, geboren 1964, ist seit 2010 Generaldirektor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Der ehemalige Journalist studierte Politikwissenschaften in Genf, 1992 arbeitete er für das IKRK in Israel und in besetzten Gebieten wie dem Sudan, dem Jemen und Georgien.

  • Yves Daccord: "Humanitäre Hilfe ist limitiert und kann keine politischen Krisen lösen."
    foto: icrc/thierry gassmann

    Yves Daccord: "Humanitäre Hilfe ist limitiert und kann keine politischen Krisen lösen."

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