Aufgeben ist nicht ihre Natur

9. März 2015, 10:34
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Die ehemalige Langläuferin entwickelte im Spitzensport Fähigkeiten, die sich für ihre Berufung als überaus wertvoll erwiesen. Sie zeigte aber auch abseits ihrer Forschungen die Ausdauer einer Wölfin.

Wien - "Moment! Belluno? Treviso? Ist das jetzt richtig? Ich glaub, ich hab mich verfahren!" Gudrun Pflüger lacht hellauf. "Ich muss umdrehen. Wie ist Treviso? Mir knurrt sowieso der Magen." Die 42-Jährige ist, rund fünf Autobahnstunden von daheim entfernt, blendend aufgelegt. Das Wochenende im Foreste Casentinesi in den Apenninen war ein Erfolg, "viel Schnee, also kann man beim Wolf-Tracking auch viele Spuren finden, es gibt dort vier oder fünf Rudel mit acht bis zehn Tieren", sagt die Biologin der European Wilderness Society. Die setzt sich mit EU-Unterstützung für den Schutz und die Schaffung sich selbst überlassener Naturräume ein. "Es geht darum, Platz zu schaffen für Wildnis. Die geht aber nicht ohne Wolf, Bär und Luchs. Das soll ich den Leuten vermitteln."

Pflüger kann überzeugen. Wille und Ehrgeiz sind da hilfreich. Darüber verfügt die gebürtige Grazerin, die als Kleinkind nach Radstadt kam, weil ihr Vater, ein Ingenieur, beim Bau der Tauernautobahn beschäftigt war. Als Zehnjährige wurde sie auf Langlaufski gestellt. Das kraftvolle Kind, mit einem ungewöhnlich hohen Lungenvolumen gesegnet, ragte bald aus der gleichaltrigen Konkurrenz heraus, der Vater brachte seine Mittlere im Schigymnasium Stams unter.

foto: privat
WM 1993, Falun: Gudrun Pflüger skatet über 30 km auf Rang 24.

"Es kam gerade der Skatingstil auf, zierliche Läuferinnen wie Stefania Belmondo dominierten." Pflüger trainierte unter dem selbstauferlegten Druck, auch zu entsprechen, derart hart, dass "ich in Richtung Magersucht unterwegs war". Sie schied, bei 1,65 Metern Größe noch 42 Kilogramm schwer, nach nur einem Jahr aus und kehrte nach Radstadt zurück, maturierte, begann dann in Salzburg ein Biologiestudium und betrieb ihren Sport abseits des Skiverbandes im österreichischen Studentenkader.

"Ich habe jahrelang keine Rennen bestritten, nur trainiert." Dementsprechend spektakulär war Pflügers Auftritt bei den nationalen Meisterschaften 1992 in St. Jakob im Rosental: "Ich war 19 Jahre alt und habe in allen Disziplinen eine Medaille gewonnen" - mit der Staffel gar Gold. "Der ÖSV hat mich gleich einkassiert." Drei Wochen später reüssiert Pflüger bei den Juniorenweltmeisterschaften in Vuokatti, Finnland. 1993 schmückt sie die nordische WM in Falun, wird bei Belmondos Sieg über 30 km starke 24.

Doch die Romanze mit dem Spitzensport währt nur kurz. "Damals begann der Trend hin zu kürzeren Rennen, für mich galt, je länger die Strecke, desto besser. Mein Können und die Vorgaben haben sich eher auseinanderentwickelt." Dazu kamen Querelen mit dem eigenen Verband. Die Langläuferinnen sind nur Anhängsel, Pflüger spürt das bei der WM 1995 in Thunder Bay besonders deutlich. Dass sie nebenbei studiert und sommers höchst erfolgreich dem Berglauf frönt (vier WM-Titel!), wird nicht goutiert. Einer ihrer wenigen Unterstützer ist Walter Mayer. "Über den kann ich persönlich nur Gutes sagen, obwohl ich natürlich alle Geschichten kenne."

Die Berührung

Pflüger zieht die Konsequenzen und weiter zur Worldloppet-Serie, einem professionellen Zusammenschluss traditioneller Marathonlangläufe. Vor allem die Rennen in Nordamerika liegen der Gesamtsiegerin von 1996/97, "weil es dort anders als in Europa auch oft bergauf- und bergab geht". Mehr als Resultate zählt für die angehende Biologin allerdings "die Berührung mit der Natur", vor allem der kanadischen.

foto: privat
Gudrun und der Wolf: Forscherin Gudrun Pflüger wird nach einer durchwachten Nacht in der Nähe eines Welpen von einem Rudel kanadischer Küstenwölfe, das zuvor noch nie mit Menschen in Berührung gekommen sein dürfte, kontaktiert und letztlich auch akzeptiert.

Schließlich spielt aber der Körper nicht mehr mit, "er hat ständig gegen die Belastung rebelliert, ich hatte öfters Ermüdungsbrüche". Pflüger, die ihre Karriere mithilfe der Familie und Sponsor Red Bull finanzierte, entsagt 1998 dem Spitzensport und beendet "nach einem Jahrzehnt" ihr Studium. Sie arbeitet für die Wildbiologische Gesellschaft in Innsbruck und bewirbt sich um eine Volunteersstelle bei einer kanadischen Wolfsforschungsgesellschaft, "weil ja Wölfe ebensolche Ausdauersportler sind wie ich". Pflügers sportliche Meriten helfen, sie wird akzeptiert und reist mit Erspartem und einem speziellen Langlaufski mit Stahlkanten nach Canmore, Kanada. Im Banff- und im Kootenay-Nationalpark sammelt sie erste Erfahrungen mit Wölfen. Die Österreicherin bewährt sich, "weil ich länger unterwegs sein konnte als die Kollegen, weil ich mich überwinden konnte, aber auch meine Grenzen genau kannte".

Forscherin im Rudel

Pflüger hangelt sich über mehrere Jahre von Projekt zu Projekt, kommt "buchstäblich nur alle heiligen Zeiten" nach Hause. "Ich hatte ein Auto und mir hat nur gehört, was da hineinpasste. Wolfsforscher sind ja auch ein Rudel und ziehen herum." Pflüger strapaziert mehrfach ihr Glück, hat Zores mit einem Schwarzbär, bricht einmal ins Eis eines zugefrorenen Flusses ein, überlebt einen schweren Autounfall im Nirgendwo. Und sie lernt auf einer Weihnachtsfeier den Leiter eines Projekts kennen, das sich einer in den Küstenregenwäldern British Columbias lebenden Wolfspopulation widmet.

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Running with Wolves: Catching Up with Gudrun Pflueger.

Die Arbeit mit diesen Wölfen beschäftigt Pflüger mehrere Sommer lang und erregt Aufmerksamkeit. Nach Beiträgen im National Geographic Channel und im Discovery Channel wird auch das ZDF aufmerksam, eine Dokumentation wird gedreht "ich war die einzige deutschsprachige Mitarbeiterin des Projekts, das passte". Der Film "Auf der Spur der Küstenwölfe" wird heute noch regelmäßig ausgestrahlt, Pflüger hat seine Fertigstellung 2005 allerdings nur knapp überlebt.

"Während der Dreharbeiten war ich öfters schwindelig, zum Teil richtig patschert, ich dachte, wegen der Anstrengung." Tatsächlich wird aber bei einer Untersuchung in Calgary ein Gehirntumor diagnostiziert. Die einer Operation folgende Chemotherapie muss Pflüger abbrechen, "mein Blutbild war verheerend, meine Diagnose war schlecht". In dieser Situation springt ihr ein wohlhabender Freund, Mike Broadfoot, zur Seite, ein fanatischer Langläufer und Investor in ein Öko-Resort, in dem Pflüger arbeiten sollte. "Er war mein Lebensretter."

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A Battle with Cancer: A Reason to Live.

Broadfoot bringt sie in Bayern in einer Spezialklinik unter. Der Tumor wird mit Vireninjektionen bekämpft, "bei mir half der Newcastle-Virus." Die Therapie dauerte mit Unterbrechungen drei Jahre. "Ich habe nie 'Ich kann nicht mehr' gesagt. Aufgeben ist nicht meine Natur."

Pflüger kehrt nach Kanada zurück, arbeitet im Öko-Resort Nipika, um ihre Schuld abzutragen. "Ich habe alles gemacht, vom Kloputzen über Naturführungen bis hin zu Langlaufkursen." Aus der Beziehung zu einem ihrer Langlaufschüler resultiert eine Schwangerschaft, die den Kanadier allerdings überfordert. Gudrun Pflüger kehrt nach Österreich zurück und bringt Konrad auf die Welt. Die "Wolfsfrau", wie eine weitere Dokumentation über ihr Wirken heißt, wird zwangsläufig sesshaft, "ich habe jetzt erstmals in meinem Leben eigene vier Wände" - in Radstadt.

Gudrun Pflüger ist nach dem Wolfswochenende in Italien wohlbehalten heimgekommen, "es ist alles glattgegangen, sehr glatt sogar, weil es am Schluss ziemlich geschneit hat", sagt sie. Und lacht hellauf. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 9.3.2015)

  • Gudrun Pflüger,"Wolfspirit – Meine Geschichte von Wölfen und Wundern". € 20,90/ 248 Seiten, Patmos, Mannheim 2012 und € 13,40 / 256 Seiten, Malik, München 2014
    foto: patmos

    Gudrun Pflüger,"Wolfspirit – Meine Geschichte von Wölfen und Wundern". € 20,90/ 248 Seiten, Patmos, Mannheim 2012 und € 13,40 / 256 Seiten, Malik, München 2014

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