IS bringt – fast alle – Araber zusammen

9. März 2015, 07:00
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Es gibt kein arabisches Regime, das nicht im IS-Visier steht. Angesichts der Bedrohung versucht sich die Arabische Liga wieder einmal zusammenzureißen

Ägypten ist nicht nur Schauplatz der großen Abrechnung mit der Muslimbruderschaft, sondern bald auch wieder Austragungsland des nächsten Gipfels der Arabischen Liga. Das Treffen, das 26. in der Geschichte des Staatenbundes, wird Ende März in Sharm al-Sheikh stattfinden; heute, Montag, treffen sich die Außenminister in Kairo. In Sharm gibt es diese Woche auch eine große ägyptische Wirtschaftskonferenz, die Investoren anlocken soll.

Das klingt so, als ob in der arabischen Welt alles seinen normalen Gang ginge. Das ist definitiv nicht der Fall. Der diesjährige ist nicht einmal ein Gipfel inmitten einer Krise, sondern einer, bei dem sich die Mitglieder schwer entscheiden können, was die größte Krise und Bedrohung ist: der "Islamische Staat" (IS), der sich nicht mehr auf die Levante beschränkt, sondern auch in Nordafrika Fuß fasst; der wachsende iranische Einfluss im Nahen Osten; der Krieg und die politische Spaltung in Libyen; die Machtübernahme von schiitischen Rebellen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa; wie seit der Gründung der Liga, die Palästinenserfrage.

Und zuletzt ist da auch noch der syrische Stachel im Fleisch der Liga: In Syrien sitzt das Assad-Regime fest im Sattel, dem man 2011 den Sitz in der Arabischen Liga weggenommen hat, um ihn später an die syrische Opposition zu geben – die keine der an sie gestellten Erwartungen eingelöst hat.

Gipfel-Absage von 2011

Wenn man sich die Austragungsorte der Liga-Gipfel der letzten Jahre ansieht, hat man die ganze Komplexität, die die Arabische Liga charakterisiert, vor Augen: 2014 Kuwait mit seiner Vermittlerfunktion; 2013 Katar, der Muslimbrüderfreund, auf dem Gipfel seines Höhenflugs; 2012 Bagdad – die damalige Hoffnung, dass sich der Irak politisch wieder gänzlich seiner arabischen Identität besinnt, wurde nicht eingelöst. Im Frühjahr 2011 wurde der Gipfel wegen der arabischen Verwirrung rund um den Arabischen Frühling überhaupt abgesagt.

Vor fünf Jahren in Sirte

Und 2010, ja richtig, da war der arabische Gipfel in Muammar Gaddafis Geburtsstadt Sirte, wo heute der "Islamische Staat" auf dem Vormarsch ist (aus Saddam Husseins Heimatort Tikrit wird er gerade herausgeworfen, wenn es denn klappt – mit iranischer Hilfe). Einer der Sprecher in Sirte war 2010 übrigens ein europäischer Ministerpräsident namens Silvio Berlusconi. 2009 war der Gipfel schon einmal in Katar und 2008 – in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Damals war der inzwischen verstorbene König Abdullah von Saudi-Arabien noch hoffnungsfroh, dass er Bashar al-Assad aus der iranischen Umarmung lösen und heim an den arabischen Busen führen könnte. Syrien ist immerhin die Wiege des arabischen Nationalismus. Es kam anders, der "Islamische Staat" rehabilitiert Assad nicht, aber er lässt ihn als ein geringeres Übel erscheinen, vor allem im Westen.

Die Bedrohung durch den "Islamischen Staat" ließe sich vereinfacht so zusammenfassen: Es gibt kein Regime in einem arabischen Land, das er nicht gerne stürzen würde. Die Luftschläge der – sehr disparaten – US-geführten Anti-IS-Allianz haben ihn da und dort zurückgedrängt, aber in keiner Weise geschlagen. Die Araber müssen zuschauen, wie sich im Irak schiitische Milizen und der iranische Al-Quds-Kommandant Ghassem Soleimani profilieren.

So kommt es erstmals zu Forderungen nach einer "arabischen Armee" gegen IS. Vor wenigen Monaten wäre selbst die Forderung danach unvorstellbar gewesen. Angesichts der IS-Gefahr und der iranischen Rolle bei ihrer Bekämpfung versucht der neue saudi-arabische König Salman die Araber (außer Assad) beziehungsweise die Sunniten – dazu muss man die Differenzen mit der Türkei überwinden – wieder politisch unter einen gemeinsamen Hut zu bekommen. Aber Prognosen für die Zukunft zu erstellen, das wagt heute niemand. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 9.3.2015)

  • Abu Bakr al-Baghdadi, der selbsternannte "Kalif Ibrahim", in einer Moschee in Mossul (links) - am Wochenende leistete Abubakar Shekau (unten), der Anführer der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram, seinen Treueeid auf ihn. Auch in Libyen setzt sich der "Islamische Staat" fest. Foto: AP
    ap

    Abu Bakr al-Baghdadi, der selbsternannte "Kalif Ibrahim", in einer Moschee in Mossul (links) - am Wochenende leistete Abubakar Shekau (unten), der Anführer der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram, seinen Treueeid auf ihn. Auch in Libyen setzt sich der "Islamische Staat" fest. Foto: AP

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