Jenseits der Leere eines Ikea-Sofas

Rezension8. März 2015, 18:14
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Das Wiener Imagetanz-Festival bot am vergangenen Wochenende im Brut-Theater eine gelungene Eröffnung mit Stücken von Hoelb/Hoeb, Myriam Lefkowitz, Julian Hetzel und Ewa Bankowska

Wien - Die Verbindung zwischen Blindentorball, Stadtspaziergang zu zweit mit geschlossenen Augen, einem Auftritt der Leere und dem Autoimmundefekt. Geht so etwas? Noch dazu als Kunst? Der Auftakt des Festivals Imagetanz am vergangenen Wochenende im Brut-Theater hat jedenfalls nahegelegt: Erstens, es geht. Zweitens, es geht mit Kunst. Und drittens: Kunst kann so etwas auf anderswo nicht gekonnte Art.

Der Blindentorball ist Teil des Projekts training des österreichischen Duos Hoelb/Hoeb, in dem es um das Neuentdecken verdrängter, jedoch extrem wichtiger Teile unserer Lebenswirklichkeit geht. In mehreren Räumen erhielt das Publikum Einsichten etwa in den Umgang mit Wachkomapatienten, den Behindertensport oder die Astrophysik. Oder auch in die mitreißende Geschichte dessen, woher unser Wissen stammt.

Bei training konnten sich die Besucherinnen und Besucher vor allem ihre eigene Entdeckungsreise gestalten, mit Leuten reden, die man sonst nie trifft, und das in einer für alle gleichermaßen ungewohnten Umgebung. Diese wurde nicht von Designern vordergründig aufbereitet, sondern von Barbara Hölbling und Mario Höber zu einem Paradies für ungewöhnliche Querverbindungen gestaltet.

Ähnliche Erfahrungen konnten auch bei Walk, Hands, Eyes von Myriam Lefkowitz gemacht werden. Da hieß es erst einmal "Augen zu". Dann wurde man einzeln von einer Person durch die Stadt geführt. Ohne Konversation. Nur ab und zu kam die Aufforderung, die Augen zu öffnen und sie gleich wieder zu schließen.

Das Gehen, die Geräusche und Gerüche, der Kontakt zu der geleitenden Person, das durch die Lider dringende Lichterspiel und unterschiedliche Raum- und Temperaturerlebnisse führen da zur intensiven Erfahrung aller Sinne. Und die eigene Rolle als lebende Fotokamera sorgt für bleibende Eindrücke. Dabei baut die französische Tänzerin - der Trip ist ja Kunst und keine Kuscheltherapie - geschickt auch diverse Herausforderungen mit ein.

Hoelb/Hoeb und Lefkowitz verwandeln die Kunsterfahrung in eine Erfahrungskunst. Als Weiterentwicklung der partizipativen Kunst mit ihrer doch schon längeren Geschichte ist diese Erfahrungskunst offenbar dabei, zu einem eigenen performativen "Genre" mit ganz verschiedenen Ansätzen, Formen und Herkünften zu werden. Erst jetzt. Das Publikum wird erst in jüngster Zeit weder als Gegner noch als bloße Zielgruppe für Didaktik oder Verführung angesehen; das grenzt an einen Paradigmenwechsel im Verhältnis zwischen Kunstschaffenden und -erfahrenden.

Angriff auf Ökonomie

Dass im Zuge dessen die "klassische" Performance weder an Bedeutung noch an Intensität verliert, zeigte Imagetanz-Kuratorin Katalin Erdödi mit zwei frontalen Arbeiten: I'm Not Here Says The Void von Julian Hetzel und Ewa Bankowskas Solo Autoimmune.

Bei Hetzel führt der Auftritt der Leere zu einem gekonnt lakonisch choreografierten Angriff auf ein Ikea-Sofa. Zwei dem Sofabezug entsprechend in grauen Filz gekleidete Männer nehmen diese Dekonstruktion ohne Wiederkehr so vor, dass die lächerliche Billigkeit des Möbels offenbar wird. Der Hintergrund davon ist weniger witzig: Ikea wurde unter anderem der Umweltschädigung, Diskriminierung und Bespitzelung von Mitarbeitern sowie der Nutzung von Kinderarbeit bezichtigt.

Dieser Tanz der Leere, die sich selbst verleugnet, wirkt so unheimlich, weil das ökonomische System, das Ikea mitrepräsentiert, alle Verbraucherkörper umhüllt und in sie eindringt. Was das unter Umständen bewirkt, davon erzählte Ewa Bankowska eindrucksvoll mit der Geschichte ihrer Autoimmunerkrankung.

All diese Eröffnungsarbeiten kamen beim Imagetanz-Publikum bestens an. Erfolgreicher kann ein Festivalauftakt kaum sein. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 9.3.2015)

Image-Tanz, bis 21. 3.

  • Einsichten in den Umgang mit Wachkomapatienten, den Behindertensport oder die Astrophysik vermittelte das Imagetanz-Stück "training" des Duos Hoelb/Hoeb (Barbara Hölbling und Mario Höber).
    foto: hoelb/hoeb

    Einsichten in den Umgang mit Wachkomapatienten, den Behindertensport oder die Astrophysik vermittelte das Imagetanz-Stück "training" des Duos Hoelb/Hoeb (Barbara Hölbling und Mario Höber).

  • Artikelbild
    foto: hoelb/hoeb
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