"Derzeit lebt man von der Hand in den Mund"

Interview9. März 2015, 08:00
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Wie die meisten Kulturinstitutionen musste auch das Grazer Joanneum Budgetkürzungen verkraften. Museumsintendant Peter Pakesch zu politischen Fluktuationswünschen und Schließungsplänen

STANDARD: Als der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl laut über mehr Fluktuation im Kunsthaus nachdachte und es aus dem Joanneum-Verband herausschälen wollte, gab es viele Solidaritätserklärungen für Sie von prominenten Kolleginnen und Kollegen.

Pakesch: Dienlich war diese vom Zaun gebrochene Debatte dem Museum jedenfalls nicht. Es gab seitens der Politik viele Begehrlichkeiten und Wünsche: Der Bürgermeister will mehr Publikum, die Kulturstadträtin plädiert für ein offenes Geschehen. Mehr Diskussionen und Veranstaltungen, niederschwelligeres Programm: Da mussten wir erst mal schauen, wie wir das mit unseren finanziellen Mitteln umsetzen können. Wenn man einen hochkalibrigen Kunstbetrieb haben will, ist Kontinuität gefragt. Will man einen Ereignisbetrieb mit Events, kann man Fluktuation gebrauchen.

STANDARD: Die ganze Diskussion entspann sich ja, weil die Politiker, respektive Nagl, mit den mageren Besucherzahlen des Kunsthauses unzufrieden waren. Zu Recht?

Pakesch: Ich finde, für einen Ort wie Graz sind die Besucherzahlen völlig in Ordnung. Der Bürgermeister hat ja zwischenzeitlich einiges zurückgenommen, weil er gesehen hat, dass er falsch informiert wurde. Mittlerweile erkennt er auch, dass das Kunsthaus ein wesentlicher Teil eines größeren Ganzen ist. Ich kenne kein Ausstellungshaus mit gutem Profil, das nur mit Events von überall her bespielt wird.

STANDARD: Sie sind seit 2003 im Amt. Das ist lange für eine Kunsthalle. Könnte das Kunsthaus nicht tatsächlich frischen Wind und eine neue Leitung vertragen?

Pakesch: In erster Linie bin ich Museumsdirektor, übergeordneter Intendant des zweitgrößten Museums Österreichs, bestehend aus unterschiedlichen Institutionen mit unterschiedlichen Profilen. Im Kunsthaus bestimmen wechselnde Kuratoren das Programm. Natürlich hätten wir Adam Budak gern nachbesetzt, allein: Es fehlte das Geld. 2011 hatten wir eine massive Kürzung seitens des Landes; seither wurde immer wieder gekürzt. Insofern ist die Struktur natürlich infrage gestellt.

STANDARD: Sollten in Krisenzeiten Kulturinstitutionen vom Sparprogramm ausgenommen sein?

Pakesch: Wir haben bei Einsparungen durchaus sportlich mitgemacht. Das Ausmaß, in dem wir eingespart haben, hat sonst keine österreichische Institution getätigt: immerhin zwanzig Prozent bei neunzig Prozent Fixkosten und im laufenden Jahr - das war keine einfache Übung! Sie hat glücklicherweise halbwegs funktioniert. Ich musste niemanden entlassen, aber Pensionierungen wurden nicht nachbesetzt. Das bedeutet aber, dass wir in manchen Bereichen extrem ausgedünnt sind, was sich in der Programmplanung niederschlägt. Und wir haben die Öffnungszeiten reduziert. Aber es gibt einen Punkt, ab dem es nicht mehr geht - auch wenn die Politik das nicht gern hört. Die will am liebsten alles aufrechterhalten. Bei einem Ausstellungsbudget von knapp eineinhalb Millionen Euro für alle Häuser des Joanneums sind ein paar Hunderttausend Euro weniger, wie zuletzt, viel Geld. Die Situation wird zunehmend schwieriger. Da fehlt uns eine langfristige und mehr strategisch gedachte Auseinandersetzung mit der Politik.

STANDARD: Inwiefern?

Pakesch: Man müsste gemeinsam überlegen, wie man den Museumsstandort angfristig sinnvoll weiterführt, wo man Schwerpunkte setzt, wie und dass eine sinnvolle Sammlungsentwicklung passiert und man nicht gezwungen ist, immer nur weiterzuwursteln. Derzeit lebt man von der Hand in den Mund.

STANDARD: Wie sieht es mit Privatsponsoren aus?

Pakesch: Da gibt es ein enormes Gefälle zwischen Wien und den Landeshauptstädten.

STANDARD: Trotz rigiden Sparkurses bauen Sie das Kunsthaus um?

Pakesch: Nach mehr als zehn Jahren war einiges nötig, es geschieht mit dafür gewidmeten Mitteln. Es ist ein Mix aus Überholungsarbeiten; Dazu entsteht ein neuer Gastronomiestandort, der besser vermietbar ist.

STANDARD: Schon erstaunlich, nach welch kurzer Zeit neuerdings Museen wieder adaptiert werden, oder?

Pakesch: Das hängt damit zusammen, dass sich der Museumsbegriff in den letzten 30 Jahren massiv geändert hat.

STANDARD: Schon. Aber das Kunsthaus ist nicht 30, sondern erst zehn Jahre alt. Den Eingangsbereich und die Gastronomie hätte man damals auch schon idealer planen können.

Pakesch: Das Joanneum ist ja für den Bau des Kunsthauses nicht verantwortlich. Es wurde im Zuge des Kulturhauptstadtjahres 2003 sehr schnell geplant. Dabei wurden Dinge vorweggenommen, die wir als Nutzer so nicht gemacht hätten. Es war in manchen Bereichen tatsächlich ungenügend.

STANDARD: Braucht man tatsächlich unbedingt Cafés in Museen?

Pakesch: Museen werden immer kritisiert, wenn sie keine ordentliche Gastronomie haben - auch wir. Bestimmte Servicebereiche erwartet das Museumspublikum. Hier zu investieren ist unerlässlich. Einsparungen müssen anderswo erfolgen. Aber ich hätte beispielsweise kein Problem, über die Schließung einzelner Standorte nachzudenken. Es darf keine heiligen Kühe geben. Wir sind das zweitgrößte Museum Österreichs; und wir sind in einem sehr offenen, tabulosen Diskurs bereits dabei, Zukunftsszenarien zu entwickeln, die durchaus größere Einschnitte bedeuten können. Wir denken auch daran, Sammlungen entsprechend ihrer Logik wieder in einen Zustand von vor hundert Jahren zurückführen. Wie positioniert man sich in einer Zeit geringerer Ressourcen, aber von einem interessierten Publikum, wie es das vorher nie gab.

STANDARD: Wie ist Ihr Verhältnis zur freien Szene? Auch da konnte man aus der Ferne immer wieder Differenzen wahrnehmen.

Pakesch: Unterschiedlich. Das Landschaftsprojekt machen wir jetzt beispielsweise in Kooperation mit Camera Austria; sie thematisiert die politische Bedeutung von Landschaft. Es war auch die Camera, die angeregt hat, dass wir das Thema so groß spielen.

STANDARD: Wie schützt man sich bei einem so breiten Thema vor Beliebigkeit?

Pakesch: Das Programm reflektiert in verschiedensten Bestrebungen der Kunst und auf unterschiedlichste Weise die Genese der von Menschen gemachten Landschaft und ihre politische Bedeutung heute. Wir sprechen seit einigen Jahren von Anthropozän als geologischem Zeitalter, es ist ein Begriff der Klimaforschung. Die historischen Bezüge in der Landschaftsmalerei wollen wir in der Neuen Galerie darstellen. Und im Kunsthaus eröffnen wir am 12. März die Ausstellung Landschaft in Bewegung, wo es darum geht, dass sich vorwiegend filmische Arbeiten mit dem Landschaftsbegriff des Anthropozäns auseinandersetzen - und dabei sehr schön bzw. erschreckend zeigen, wie der Mensch mit der Erde umgeht. Im April folgt dann Hyperamerika, da stellen wir hyperrealistische Malerei der Fotografie gegenüber. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 9.3.2015)

Peter Pakesch (59) eröffnete 1981 seine erste Galerie in Wien mit Künstlern wie Franz West, Martin Kippenberger, Herbert Brandl und Heimo Zobernig. 1986 gründete er mit dem Grazer Kulturpolitiker Helmut Strobl den Grazer Kunstverein. Von 1996 bis 2002 leitete er die Basler Kunsthalle. Seit 2003 ist er Intendant des Universalmuseums Joanneum.

Ausstellungen:
"Disputed Landscape", Camera Austria, 13. 3. bis 10. 5. 2015

"Landschaft in Bewegung", Kunsthaus Graz, 13. 3. bis 26. 10. 2015

"Hyperamerika", Kunsthaus Graz, 10. 4. bis 30. 8. 2015

"Landschaft: Transformation einer Idee", Neue Galerie, 19. 6. bis 6. 9. 2015

  • Artikelbild
    foto: j. j. kucek
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