Mord an Kreml-Kritiker: Fünf Verdächtige in Haft

8. März 2015, 13:03
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Ermittlungen dauern an

Moskau - Bei den Mordermittlungen zum Fall des Kreml-Kritikers Boris Nemzow hat die russische Polizei insgesamt fünf Verdächtige festgenommen. Das teilte der Sprecher der Ermittlungsbehörde, Wladimir Markin, am Sonntag über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Nemzow war am 27. Februar in Sichtweite des Kreml erschossen worden.

Details waren zunächst nicht bekannt. Zwei der Verdächtigen sollen Geschwister sein. Einer der Festgenommenen habe Medien zufolge jahrelang für eine Polizeieinheit in der russischen Kaukasus-Republik Tschetschenien in einem Bataillon des tschetschenischen Innenministeriums gearbeitet. Ob er der Einheit zuletzt noch angehörte, war zunächst unklar.

Tochter beschuldigt Regierung

Schanna Nemzowa, die Tochter des Ermordeten, hat unterdessen schwere Vorwürfe gegen den Kreml erhoben. "Ich bin mir sicher, es war ein politisch motivierter Mord", sagte sie der "Bild am Sonntag". "Er wurde umgebracht, weil er gegen den Kreml war. Das ist klar." Kreml-Chef Wladimir Putin hatte den Mord als Provokation verurteilt.

Die 30-Jährige ist die älteste Tochter von Nemzow. Sie ist überzeugt, dass "dieser Mord mit voller Unterstützung der Machthaber begangen wurde, dass die Täter sicher waren, dass sie nicht bestraft werden".

An eine Aufklärung des Mordes glaubt sie nicht: "Irgendjemand wird bestraft werden, aber nicht der wirklich Schuldige." Die Folgen des Mordes schätzt Nemzowa als dramatisch ein: "Ich sehe keinen Oppositionspolitiker mehr in Russland, die Opposition ist enthauptet." Die Propaganda und der geschürte Hass seien so stark, dass sich selbst vernünftige Menschen oft nicht wehren könnten.

Bildmaterial aus Überwachungskameras

Aus Ermittlerkreisen verlautete, das mutmaßlich bei der Tat genutzte Fluchtauto sei relativ schnell gefunden worden. Spuren in dem Fahrzeug hätten bei der Suche nach den Verdächtigen geholfen. Zudem hätten die Ermittler aus dem Bildmaterial der Überwachungskameras in der Nähe des Tatorts scharfe Fotos filtern können.

Dennoch sei es zu früh, von einem Durchbruch in dem Mordfall zu sprechen, hieß es. Über eine mögliche Untersuchungshaft solle an diesem Sonntag oder in dieser Woche entschieden werden.

Behörden: Politisch motivierter Auftragsmord

Wegbegleiter Nemzows reagierten zurückhaltend. "Wir hoffen, dass Menschen festgenommen wurden, die tatsächlich etwas mit dem Mord zu tun haben, dass dies kein Fehler ist, sondern das Ergebnis einer guten und qualitativen Arbeit der Sicherheitsorgane", sagte der Oppositionspolitiker Ilja Jaschin. Sollte der Schütze unter den Verdächtigen sein, müssten aber auch die Hintermänner gefunden werden, forderte er.

Die russischen Behörden gehen von einem politisch motivierten Auftragsmord aus und verfolgen unterschiedliche Spuren, unter anderem mit nationalistischem oder islamistischem Hintergrund. Kritiker vermuten die Verantwortlichen indes im Umfeld des Kremls. Nemzow war einer der wichtigsten Anführer der russischen Opposition und ein entschiedener Gegner von Präsident Putin.

Nemzow veröffentlichte mehrere Berichte, die die nach seiner Auffassung herrschenden Missstände unter Putin aufdecken sollten. Nach Informationen aus seinem Umfeld arbeitete Nemzow bis kurz vor seinem Tod an einem Bericht über die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt.

Der Mord reiht sich ein in eine Vielzahl ähnlicher Taten, denen in den vergangenen Jahren Oppositionelle wie die Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa oder die Journalistin Anna Politkowskaja zum Opfer fielen. (red, APA, 7.3.2015)

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