Stern rast mit vier Millionen km/h aus der Milchstraße

6. März 2015, 17:48
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US 708 ist der schnellste Stern unserer Galaxie - er dürfte von einer Supernova auf seinen Kurs ins Nirgendwo geschleudert worden sein

Köln - Mit einer Geschwindigkeit von 4,32 Millionen km/h bzw. 1.200 Kilometern pro Sekunde reiht sich der Stern US 708 nicht nur im exklusiven Klub der sogenannten Hyperschnellläufer ein, er ist sogar der schnellste Stern der Milchstraße - soweit bislang bekannt.

Zahlenspiele

Trotz ihres pompösen Namens bewegen sich Hyperschnellläufer tempomäßig nicht in völlig anderen Dimensionen als andere Sterne. So ist der Rekordhalter US 708 "nur" etwa viereinhalbmal so schnell wie unsere Sonne auf ihrer Bahn. Das reicht jedoch aus, um die Fluchtgeschwindigkeit der Milchstraße zu übertreffen und den Raser damit aus unserer Galaxie hinauszubefördern. Nur etwa zwei Dutzend solcher Sterne haben Astronomen bislang entdeckt - ein Klacks im Vergleich zu den mindestens 100 Milliarden Sternen, die die Milchstraße insgesamt hat.

Der rund 27.000 Lichtjahre von uns entfernte und im Sternbild Großer Bär gelegene US 708 hat Astronomen seit seiner Entdeckung vor zehn Jahren Rätsel darüber aufgegeben, was ihn auf seinen Kurs in den intergalaktischen Raum gebracht hat. In "Science" berichtet ein internationales Forscherteam nun, dass eine Supernova dahinterstecken dürfte.

Die bisherige Theorie

Die gängigste Hypothese zur Entstehung von Hyperschnellläufern besagt, das sie auf die Annäherung eines Doppelsternsystems an das supermassereiche Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße zurückgehen. Dabei stürzt einer der Sterne ins Schwarze Loch, während sein Partnerstern aus der Galaxie katapultiert wird.

Allerdings ist es fraglich, ob wirklich oft genug Doppelsternsysteme in dieses Schwarze Loch stürzen, um die Existenz all der bis jetzt schon entdeckten Hyperschnellläufer zu erklären. Zudem befinden sich einige davon schon erstaunlich weit vom galaktischen Zentrum entfernt.

Ein Stern spielt nicht mit

US 708 wollte sich erst recht nicht in dieses Bild fügen. Astronomen um Stephan Geier von der Europäischen Südsternwarte (ESO) rekonstruierten die Flugbahn des Sterns und stellten dabei fest, dass er nicht aus dem Zentrum stammen kann.

Der Lösung des Rätsels kamen die Forscher durch die Entdeckung näher, dass sich US 708 viel schneller um seine Achse dreht als jeder andere bekannte Stern seiner Art. Dies deutet nach Angaben der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) darauf hin, dass er einmal einen sehr nahen Doppelsternpartner hatte, dessen Gezeitenkräfte ihn gleichsam wie einen Brummkreisel aufgezogen haben. Der Doppelsternpartner muss demnach ein Weißer Zwerg gewesen sein, ein sehr kompakter Stern von Erdgröße.

Blame it on the Supernova

US 708 und sein Begleiter kamen einander den Astronomen zufolge schließlich immer näher. Dabei entriss der Weiße Zwerg seinem Partner so viel von seiner Hülle, dass dessen Heliumkern sichtbar wurde und in der Folge Helium von US 708 zum Weißen Zwerg strömte. Bevor der Weiße Zwerg seinen Partnerstern komplett schluckte, explodierte der Zwergstern in einer thermonuklearen Supernova. "Diese Explosion hat sich vor rund 14 Millionen Jahren ereignet", sagt Geier.

Mit der Explosion des Weißen Zwergs fiel mit einem Schlag auch dessen Anziehungskraft auf US 708 weg. Damit behielt dieser nicht nur seine ohnehin bereits immense Geschwindigkeit bei, er wurde sogar noch etwas beschleunigt. Seither ist er als schnellster bekannter Stern der Milchstraße unterwegs - mit Kurs in die Leere. (red/APA, derStandard.at, 6.3. 2015)

  • Es geht ein Stern nach Nirgendwo. Und er hat es eilig damit.
    illustration: esa/hubble, nasa und sebastian geier

    Es geht ein Stern nach Nirgendwo. Und er hat es eilig damit.

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