Liebes Leid und Leides Lied

6. März 2015, 17:32
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Massenets "Werther" mit Angela Gheorghiu an der Wiener Staatsoper

Wien - Es war ein Buch, das in Mitteleuropa Generationen hysterisierte: Goethes 1774 erschienener Longseller Die Leiden des jungen Werther. Gut drei Jahrzehnte später, als Napoleon gerade die deutschen Fürstentümer aufgemischt hatte, diskutierte der Sturm-und-Drang-Feldherr bei einem Treffen mit dem Autor in Erfurt die Gemütslage des Titelhelden ausführlich. Und noch 1825 war in Leipzig das Tragen eines Werther-Outfits gesetzlich verboten.

Knapp 120 Jahre nach Erscheinen des Buchs wurde Jules Massenets Drame lyrique Werther uraufgeführt - originellerweise an der Wiener Hofoper. 2005 wurde das Werk hier von Andrei Serban arborozentrisch neu gedeutet: Philippe Jordan dirigierte, Elina Garanca sang die Charlotte und Marcelo Álvarez den Werther. (In dieser Besetzung am 15. 3. auf ORF 3 zu erleben.)

In der aktuellen Serie gab es eine Reihe von Rollendebüts, allen voran Angela Gheorghiu als Charlotte, Jean-François Borras als Werther und Ludovic Tézier als Albert. Gheorghiu war die Tollste: In den ersten beiden Akten ist die Mezzopartie eigentlich zu tief für die Sopranistin, aber im dritten bezauberte die 49-Jährige mit ihrem einzigartigen Timbre, ihrer Präsenz. Tendierte die blonde Garanca ikonografisch mehr in Richtung Marilyn Monroe, so bot Gheorghiu als reife Charlotte optische Anklänge an Angela Winkler. Borras war ein physisch robuster Melancholiker und sang einen soliden Werther, sowohl heldische Stärke als auch Verletztheit transportierend; die letzte Geschmeidigkeit misste man. Ganz väterlich-baritonale Seriosität und Biederkeit war Ludovic Téziers Albert; Daniela Fally gab als Sophie das putzig-propere blonde Fräulein und zwitscherte mit den Querflöten frohgemut um die Wette. Süß und natürlich die Kinder der Wiener Opernschule, angeleitet vom guten Hausgeist Alfred Sramek.

Im Orchestergraben spannten Frédéric Chaslin und das Staatsopernorchester ein emotionales Panorama auf zwischen lichter Beweglichkeit und düstrer Wucht: toll. Bravi für alle. (end, DER STANDARD, 7.3.2015)

9. und 13. 3.

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