Einstiges KZ-Areal: Fragen zum Wohnbau auf blutigem Boden

6. März 2015, 17:13
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In der Diskussion um Pläne eines Wohnbaus auf Teilen des einstigen KZ-Geländes steigt die Politik nun auf die Bremse

Linz - Wie schwer der Spagat zwischen Ortsentwicklung und Vergangenheitsbewältigung zu schaffen ist, zeigt sich aktuell in der kleinen Gemeinde St. Georgen an der Gusen. Die Nähe zu Linz steigert zwar die Wohnraumnachfrage, doch historisch unbelasteter Baugrund ist in der Gemeinde mitunter schwer zu finden. Jüngstes Beispiel dafür ist der Aufstand gegen die geplante Errichtung einer Wohnanlage auf dem ehemaligen KZ-Gelände und in unmittelbarer Nähe zur einstigen unterirdischen NS-Rüstungsfabrik "B8 Bergkristall" - DER STANDARD berichtete. Jetzt hat der steigende Unmut darüber die Ortspolitik veranlasst, mehr Bürgernähe zu zeigen.

Vonseiten der ÖVP fordert man nun, rund um den umstrittenen Bau der Wohnanlage eine Volksbefragung durchzuführen. "Dazu braucht es im Gemeinderat eine einfache Mehrheit. Ich glaube, dass es wichtig ist, die Bevölkerung einzubinden. Wir wollen da nicht einfach drüberfahren", ist Vizebürgermeister Franz Haslinger (VP) überzeugt.

Kommunal-"Deal"

20.000 Quadratmeter umfasst das im Privatbesitz befindliche Areal. 15.000 Quadratmeter davon wurden bereits 1975 von der Gemeinde von Grün- in Bauland umgewidmet - weitere 5000 Quadratmeter dann im Vorjahr. Im Gegenzug stimmte der Grundbesitzer dem Verkauf einer 3000 Quadratmeter großen Fläche unmittelbar vor dem noch verbliebenen Eingang zu den einstigen Nazi-Stollen zu. Erstmals ist damit ein gemeindeeigener Zugang, etwa für Gedenkveranstaltungen, zu den Bunkeranlagen gegeben.

Ab dem Frühjahr 2015 werden die ersten, bereits genehmigten 47 Wohnungen errichtet. Pläne für weitere 100 Wohnungen liegen auf. Über deren Realisierung soll jetzt in großer Runde diskutiert werden. "Da braucht es alle Beteiligten - Bevölkerung, Grundeigentümer, Politik, das Innenministerium.

Vielleicht gibt es Alternativen und es werden letztlich nicht alle Wohnungen gebaut", kündigt Haslinger an, für den "auch ein Park oder Ähnliches" vorstellbar wäre. Ob er persönlich über den früheren Eingängen zu den "B8"-Stollen wohnen möchte? Haslinger: "Es geht nicht um mich. De facto gibt es aber Leute, denen das nichts macht."

Rote Gegenstimmen

Bürgermeister Erich Wahl (SP) ist hingegen klar gegen eine Volksbefragung zum jetzigen Zeitpunkt: "Zuerst muss klar sein, was mit dem Grundstück passieren soll. Wenn es keine konkreten Pläne für ein Gedenkareal gibt, vor allem hinsichtlich der Finanzierung durch Bund und Land, braucht man nicht die Bürger fragen." Die Wohnungen an sich würde es, laut Wahl, aber dort nicht brauchen.

Auf Zustimmung stößt die angedachte Volksbefragung zumindest bei den Initiatoren der Online-Petition "Keine Wohnungen an den Pforten zur Hölle".

"Beginnen wir endlich hinzuschauen und geben wir dem Ort den Respekt, den er sich verdient hat. Wir sind es den hier Geschundenen, den Überlebenden und deren Nachkommen schuldig, eine würdige Lösung herbeizuführen. Eine Wohnsiedlung für rund 300 Einwohner ist für uns sicher nicht der richtige Weg", so Werner Dedl von der Online-Plattform. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 7.3.2015)

  • Die grafisch bearbeitete Luftbildaufnahme von St. Georgen an der Gusen zeigt deutlich die künftige Nähe zwischen der einstigen NS-Anlage und dem geplanten modernen Wohnbau von heute.
    foto: doris luftaufnahme / grafik petition

    Die grafisch bearbeitete Luftbildaufnahme von St. Georgen an der Gusen zeigt deutlich die künftige Nähe zwischen der einstigen NS-Anlage und dem geplanten modernen Wohnbau von heute.

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