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Reportage10. März 2015, 05:30

"Darf ich die Haube wegtun, mir ist schon so warm", fragt ein kleines Mädchen mit roten Wangen ihre Kindergärtnerin. Es wird Frühling im Volksgarten in Graz. Zwischen den rot lackierten Laternen und den dazu passenden roten Geländern der kleinen Brücken blühen erste Krokusse. Die Kindergärtnerin mag den Park. Sie kommt seit 17 Jahren mit den Kindern her, weil ihr Kindergarten keinen eigenen Garten hat. Wenn sie mit den kleinen Buben und Mädchen über die kleine Brücke über den Mühlgang geht, habe sie aber oft "ein mulmiges Gefühl".

Warum? "Die Dealer fühlen sich so sicher, dass sie das neben den Kindern machen. Ich muss aber sagen, dass sie nie ungut zu den Kindern sind", führt die Frau leise aus, damit die Kinder in der großen Korbschaukel, die sie immer wieder antaucht, nichts hören.

Skater und Buddhisten

Der Park, eine der wenigen Grünoasen im ehemaligen Arbeiterbezirk Lend, ist hübsch: Ein kleiner Bach plätschert dahin, es gibt einen Teich, einen Skaterbereich für Jugendliche, einen Kinderspielplatz samt großem Holzflugzeug zum Klettern, einen Sportplatz, eine Hundewiese und seit 1998 eine buddhistische Stupa. Doch hier entzünden sich seit Jahren Konflikte, die man in jeder europäischen Stadt finden kann. Ein kurdischer Vater bringt es nüchtern auf den Punkt: "Wenn du den Kindern beibringst, keine Spritzen aufzuheben, ist es ein super Spielplatz."

Ein Park im Wandel: Spielplatz im Volksgarten.

Gleichzeitig schreitet einen Straßenzug weiter die Gentrifizierung voran. Der Lend ist nicht nur, wie sein benachbarter Bezirk Gries, Heimat der meisten Migranten, hier siedeln sich seit über zehn Jahren auch Kreativunternehmen, lässige Beisln und jede Menge Künstler und Bobos an. Das Grätzelfestival Lendwirbel ist hier zu Hause. Es ist wie das von Kunstinitiativen ausgerufene "Annenviertel" rund um die Annenstraße, die Gries und Lend teilt, ein Lehrbeispiel von Selbstermächtigung.

Am Samstagvormittag schlagen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) aus einem nahen Heim ihre Langeweile im Park tot. In Sichtweite sitzen derweil die Grazer, denen das andere Murufer zu spießig wurde, am Lendmarkt bei Muskatellerspritzer oder Prosecco und halten ihre Ray Bans in die Sonne.

Die Kindergärtnerin kannte das Viertel schon, als kein bürgerlicher Grazer hier freiwillig sein Wochenende eingeläutet hätte. "Da hinten in der Kirche habe ich Konfirmation gehabt, ich bin nämlich evangelisch", sagt sie. "Das war so ein schöner Park damals mit alten, hohen Bäumen."

foto: fischer
Spielplatz und Ordnungswache: Seit 1875 gibt es den Volksgarten.

Die Kreuzkirche wurde vor 100 Jahren vom Berliner Architekten Otto Kuhlmann gebaut. Sie leuchtet als westliche Begrenzung des Parks gelb durch die Bäume und sieht nicht wie eine typisch österreichische Kirche aus. Vielleicht, weil sie ihre Zwiebelhaube im Zweiten Weltkrieg verlor. Der Volksgarten selbst ist älter als die Kirche, er wurde 1875 als Pendant zum viel größeren Stadtpark am anderen Murufer und als grüne Lunge für die Arbeiter angelegt.

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Kreuzkirche im Volksgarten.

Nur 4,6 Hektar ist er groß. "Früher war der Park viel stärker in zwei Hälften geteilt", erzählt der Architekt Andreas Stohriegel. "Die Bereiche für ältere Menschen und Kinder waren durch hohe Sträucher am Mühlgang getrennt." Strohriegel wuchs direkt im Volksgarten auf. Sein Vater war Pfarrer der Kreuzkirche und wohnte mit seiner Frau und den vier Söhnen im Pfarrhaus neben der Kirche. 1975, Sohn Andreas war fünf, war man hierher gezogen. Dass der Park in den letzten 20 Jahren schlimmer geworden wäre, kann Strohriegel, der noch immer in der Nähe wohnt und den Spielplatz des Parks mit seinem Sohn besucht, nicht sagen.

"In den letzten 40 Jahren hat es sich vielleicht verändert – als ich klein war, war der Straßenstrich noch in der Keplerstraße, wir sind als Kinder direkt an den Huren vorbeigelaufen, und die Drogenszene war auch schon immer irgendwo in diesem Viertel." Trotzdem sind die Erinnerungen an den Park schöne Kindheitserinnerungen. Er sieht in den Dealern keine Gefahr, da sie ihn und seinen Sohn im Kindergartenalter in Ruhe lassen. Das könne sich aber ändern: "Wenn mein Sohn 13 wäre, hätte ich Angst, dass man versucht, ihn als Kunden zu keilen."

Charmantes und Skurriles

foto: harry fischer
Grafitti im Park

Ganz in der Nähe der Kirche wohnte von 2000 bis 2013 ein Musikjournalist, der mittlerweile weggezogen ist. "Ja, es ist oft laut geworden vor meinem Fenster, aber deswegen bin ich nicht weggezogen", sagt der Mann Anfang 40. "Es war eher wegen der Miete, groteskerweise sind die Wohnungen hier nämlich gar nicht so billig, wie man denkt."

Er beobachtete in den 13 Jahren "Phasen, in denen es heftiger zugegangen ist, dann war es wieder ruhiger". In der Zeit des Kulturhautstadtjahrs 2003 waren viele Flüchtlinge aus der Dominikanischen Republik im Park. "Da hat man manchmal so ein Feeling gehabt, als sei man in Klein-Santa-Domingo – wegen der Musik, und überall wurde Spanisch geredet, das hatte durchaus Charme." Skurrilitäten gab es auch genug, wie einen Afrikaner, der immer wieder laut brüllte: "You are not god!" Bis jemand bemerkte, dass der Mann ernsthaft psychisch erkrankt war und er Hilfe bekam. "Und dann war da noch die Frau, die immer mit ihrem Papagei auf der Schulter durch den Park spaziert ist, die war echt sehenswert", erinnert sich der Journalist.

Zuletzt waren vor allem Afghanen und Tschetschenen im Park: "Wenn die aneinandergeraten, wird es schon lauter", sagt der Ex-Anrainer. Passiert sei ihm nie das Geringste, aber: "Für Frauen fühlt sich das sicher unguter an, nachts durch den Park zu gehen."

foto: schiffer
Eispavillon im Volksgarten: Nach Jahrzehnten sperrt die Betreiberin das Geschäft zu.

Eine Frau, die noch immer unmittelbar am Park lebt, ist die Kulturstadträtin der Grünen, Lisa Rücker. Sie ist davon überzeugt, dass der Park besser ist als sein Ruf. Dafür gibt es seit kurzer Zeit wissenschaftliche Belege. Rücker trifft sich seit Oktober mit einer Arbeitsgruppe aus Anrainern und Experten. Der Verein "Sicher leben" in Graz arbeitet seit Herbst gemeinsam mit Polizei, Stadtpolitik und Anrainern daran, dass hier alles besser wird. Umfragen ergaben dabei, dass Menschen, die gar nicht am Volksgarten leben, ein schlechteres Bild von ihm haben.

65 Prozent der Befragten gaben an, sich "sehr sicher" zu fühlen. 25 Prozent fühlen sich "eher unsicher". "Wirklich gefährlich ist der Park nicht", sagt Rücker beim Parkrundgang, bei dem man junge Männer passiert, die in der Mittagssonne dealen. "Gedealt wird Cannabis", erzählt Rücker, "härtere Drogen werden aber auch konsumiert. Aber es werden keine Passanten attackiert". Das bestätigt auch Michael Kosmus von der Grazer Polizei: "Sie haben hier mehr Fälle von Drogenkriminalität als anderswo in Graz, aber nicht mehr Gewaltdelikte."

foto: harry fischer
Graffiti, Buddhismus und Toilette: Der Volksgarten soll aufgewertet werden.

Die Kunden der Dealer fahren aus der ganzen Steiermark hierher. Nun soll der Autoverkehr eingeschränkt werden. Das ist ein Punkt eines vierteiligen Programms, das die Arbeitsgruppe kürzlich präsentierte. Einige Straßen sollen nur mehr Anrainer befahren dürfen, so Werner Miedl, früherer ÖVP-Politiker, Polizist und Geschäftsführer des Vereins "Sicher leben". Er lobt die Arbeit mit Rücker und mit SPÖ-Jugendstadträtin Martina Schröck, mit der er "konstruktiv über eine bessere Betreuung" der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus dem Park rede.

Weitere Säulen des Programms: eine "Drehscheibe", die in der Kirche installiert wird. Hier sollen ab April AMS, Wirtschafts- und Arbeiterkammer gemeinsam Jobs für junge Flüchtlinge suchen. Miedl: "Wir haben schon zwei konkrete Angebote für Lehrstellen in Mangelberufen." Verstärkte Kulturarbeit soll den Park beleben. Hier sind Margarethe Makovec und Anton Lederer vom Kunstverein Rotor seit Jahren engagierte Netzwerker rund um den Park.

Schmusen erlaubt, stehenbleiben verboten

Eine Maßnahme, die auch Miedl "für rechtlich nicht unproblematisch" hält: Künftig soll man den Park zwischen 22.00 und 6.00 zwar noch durchqueren, aber nicht mehr stehenbleiben dürfen. "Wenn Sie schmusend auf einem Bankerl sitzen, wird Sie niemand anhalten", räumt Miedl ein. "Es soll eher eine Handhabe sein, wenn es einmal lauter wird." Das war ein Kompromiss, um den Park nachts nicht abzusperren.

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Der SPÖ-Pavillon im Volksgarten.

"Das ist übrigens bei vielen anderen Parks in Europa schon längst üblich, auch in Wien", sagt Rücker, die stolz ist, dass sich das Absperren des Volksgartens hier nicht durchgesetzt hat. "Da heißt es oft, wir sind die Verbotsstadt, aber das gibt es bei uns nicht." Im besten Fall können die Bemühungen rund um den Park zeigen, "wie man im urbanen Umfeld den Zusammenhalt zwischen vielen Zielgruppen stärkt", ist Rücker optimistisch. Mit Spritzen auf dem Spielplatz haben in- wie ausländische Eltern ein Problem – hier mit Ausländerfeindlichkeit zu kommen löse gar nichts.

Die vierte Säule ist ein monatlicher Jour fixe für Anrainer, Magistratsmitarbeiter und Polizei, wo auf Anregungen und Ängste schnell reagiert werden soll. Die Polizei setzt auf "Community Policing", wie Kosmus erklärt: "Das Modell kommt aus New York, es geht darum, nicht nur Ursachen zu bekämpfen, sondern rückzufragen, wo ein Problem herkommt. Wir gehen in die Bevölkerung und direkt zu den Flüchtlingen, wir wollen Vertrauen stärken." Angedacht ist auch, dass Sozialarbeiter mit Polizeistreifen mitgehen.

Dass Beamte Menschen wegen eines Joints mitnehmen müssen und zwei Stunden damit beschäftigt sind, finden Kosmus und Miedl beide nur bedingt sinnvoll. "Cannabis wird in die Illegalität verdrängt, und ein paar Leute werden stinkreich damit", so Miedl. "Aber das ist ein politisches Problem, da muss die EU endlich tätig werden." In Graz kümmert man sich derweil erst einmal um den Volksgarten. (Colette M. Schmidt, derStandard.at, 9.3.2015)