Verfrühte Frühlingsgefühle

6. März 2015, 17:03
posten

Die Tage werden wieder länger, Vögel reißen wieder die Schnäbel auf, Sonnenseiten-Parkbänke im Prater sind zu Stoßzeiten besser besucht als einschlägige Solarinstitutionen. Frauenzeitschriften geizen noch mit den schrägsten Diättipps, das setzt erst Ende März bis Mitte April ein, wenn die Wintermäntel endgültig abgelegt werden. Das unvermeidliche retouchierte Bikinimädchen kommt noch später auf die Titelseiten. Dann aber schon garniert mit dem bedrohlichen Zusatz "Bauch weg in drei Tagen", was unwillkürlich an Organhandel und andere Gewaltverbrechen denken lässt. Die Aufreißtipps in Männerheften haben hingegen Schwerpunkt übers ganze Jahr und brauchen keine saisonale Auffrischung. Diese medialen Schwerpunkte weisen auf eine gewisse Verirrung zwischen den Geschlechtern hin.

Für zwischenmenschliche Verirrungen ganz anderer Art sorgt hingegen mein Hund. Dieser hat sich passend zur Jahreszeit eine ungünstige neue Unart zugelegt, die übrigens zu 100 Prozent auf mich zurückfällt. Sitzt man mit Geschäftspartnern, Bekannten oder weniger Bekannten, manchmal sogar mit Wildfremden an einem Tisch in einem öffentlichen Lokal und passt man nicht auf wie ein Haftelmacher, schleicht er sich unter diesem zur angepeilten Person seiner Wahl und legt die ungefähr handgroße Schnauze vertraulich zwischen fremden Schenkeln ab, in der Hoffnung, als Ergebnis dieser intimen Annäherung mit Leckereien von der Tischoberfläche belohnt zu werden. Das macht sich meist dadurch bemerkbar, dass das Gegenüber plötzlich in die Höhe fährt und mich entweder freudig überrascht, entsetzt oder erzürnt ansieht. In diesem Fall ist die Bemerkung "Will ja nur spielen" vermutlich noch unpassender als sonst auch schon. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 7./8.3.2015)

Share if you care.