"Mein Körper ist das Ereignis": Die Umgehung des Flachbildschirms

6. März 2015, 17:10
6 Postings

Die Ausstellung im Wiener Mumok beschäftigt sich anhand von Filmen und Fotos mit Wiener Aktionismus der 1960er-Jahre und der internationalen Performance-Szene

Wien - Natürlich hat jede Performance-Ausstellung ein Problem. Warum? Weil Live-Kunstwerke vergängliche Ereignisse sind. Aber: Sie lassen sich im Rahmen bestimmter technischer Möglichkeiten aufzeichnen. Immerhin. Mein Körper ist das Ereignis, schreibt Günter Brus, einer der bedeutendsten österreichischen Künstler. Dieser Satz ist nun zum Titel der neuen Schau über Wiener Aktionismus und internationale Performance im Mumok geworden.

Dort geht es vor allem um Videos und Fotos, also um Dokumente. Solche Aufzeichnungen belegen, dass Performances oder Aktionen tatsächlich stattgefunden haben und wie diese in etwa abgelaufen sind. Kuratorin Eva Badura-Triska hat sich zusammen mit Marie-Therese Hochwartner viel Mühe gegeben, eine Ausstellung zu konzipieren, die verständlich macht: Die Aktionisten waren in den 1960er-Jahren mit ihrer heftigen Kunst nicht alleine auf diesem Planeten.

In allen drei Museumsräumen, die Mein Körper ist das Ereignis belegt, ist nur eine einzige Skulptur, Wolf Vostells Miss Vietnam, zu sehen. Und damit kein Objekt, das als Aktions-"Überbleibsel" in den Rang eines eigenständigen Kunstwerks überführt wurde.

Im ersten Raum sind Schau-Tische aufgestellt, die eine Herleitung des Aktionismus aus der Erweiterung der Literatur ab Ende der 1950er-Jahre deutlich machen. Und zwar ausschließlich anhand von Fotografien. So werden die Betrachterinnen und Betrachter erstens durch Bild-Eindrücke "entschleunigt". Und zweitens entstehen beim Abgehen mancher Bilderserien in der Wahrnehmung imaginative "Filme" von möglichen Performance-Abläufen.

Im zweiten Raum geht es vor allem darum, wie die Aktionisten die Möglichkeiten der Malerei erweiterten. Die Schau-Tische sind durch große, frei im Raum hängende Projektionspaneele und einzelne Wandprojektionen ersetzt. Diese Paraphrasen der Bildtafel und des Wandbildes weisen das Video als eine - um den Faktor Zeit erweiterte - Umschreibung des fixierten Bildes aus. Auch im dritten Raum setzt sich Badura-Triskas geschickter Umgang mit einer "transmedialen" Ebene (der Übersetzung eines künstlerischen Mediums in ein anderes: beispielsweise Malerei in Performance, oder diese in den Film) fort. Hier werden einzelne Themen in kleinen Gruppen auf einer Podest-Architektur präsentiert. Sie ähnelt einer ausgedehnten Bühne, deren einzige Akteure kleine TV-Geräte - alte Schule: Röhren, nicht Flachschirme - sind.

Die Konzentration auf Videos und Fotos verhindert, dass eine Hierarchie zwischen den Kunstwerken entsteht: zum Beispiel durch spektakuläre Inszenierungsgrößen wie Hermann Nitsch im Verhältnis zu reduzierter arbeitenden Kunstschaffenden wie Ewa Partum. Eine schlüssige Entscheidung. Weniger in die Tiefe gedacht wirkt im Vergleich dazu Badura-Triskas Themenwahl, die sehr ins Anekdotische schummert: Da die Grimassen-Gruppe, dort Schwangerschaftsdarstellungen und hart an Schwarzkogler ein beuysischer Schamanismus. Was zwar auflockert, aber um den Preis einiger Vordergründigkeiten. Dafür fehlt, wenn es schon um internationale Kontextualisierung geht, jeglicher Hinweis auf die wichtige japanische Performance der 1950er- und 1960er-Jahre, zum Beispiel den Butô von Tatsumi Hijikata.

Enthusiastische Inszenierung

Zu den Wermutstropfen der Schau zählt weiters der Verzicht auf den dokumentationskritischen Beitrag des Experimentalfilmers Kurt Kren zum Aktionismus. Und ein Hinweis auf das Debakel der Mühl'schen Friedrichshof-Kommune hätte, sozusagen als Bruch dieser enthusiastischen Inszenierung des Körper-Ereignisses, sicherlich nicht geschadet.

Trotzdem ist die Mumok-Ausstellung insgesamt ein Erlebnis. Neben den bis heute unter die Haut gehenden Aktionismus-Filmen auch im kontextualisierenden Material: Von Ana Mendietas Chicken Piece über den Flitzer-Auftritt von Tomislav Gotovac in Belgrad bis hin zur Vorwegnahme des Parkour durch Nesa Paripovic. Im April gibt es noch ein Symposium und im Sommer eine Kooperation mit dem Impulstanz-Festival. Da werden Live-Performances zu sehen sein. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 7.3.2015)

Bis 16.8.

  • Im Wiener Mumok zeigt man bis August mit "Mein Körper ist das Ereignis" eine Schau, die sich mit dem Wiener Aktionismus ebenso auseinandersetzt wie mit internationaler Performance-Kunst.
    foto: laurent ziegler

    Im Wiener Mumok zeigt man bis August mit "Mein Körper ist das Ereignis" eine Schau, die sich mit dem Wiener Aktionismus ebenso auseinandersetzt wie mit internationaler Performance-Kunst.

Share if you care.