Was die Milch macht

7. März 2015, 17:00
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Milch ist nicht gleich Milch, bei der Haltbarmachung etwa gibt es Unterschiede. Eine Studie untersuchte die Wirkung auf Kleinkinder - eine Zusammenfassung.

Wien - Für viele von uns ist es eine Selbstverständlichkeit: Man schenkt sich ein Glas Milch ein oder rührt sie in den Kaffee - jeden Tag. Doch dass wir dieses flüssige Nahrungsmittel problemlos verdauen können, ist einem besonderen Schachzug der Evolution zu verdanken. Dieser betrifft das Enzym Lactase. Letzteres setzt Milchzucker, Lactose, um und führt ihn dem Stoffwechsel zu.

Bei fast allen Säugetieren wird die Lactase-Produktion nach Ende der Säugezeit irreversibel abgeschaltet. Das gilt eigentlich auch für Homo sapiens. Eine Mutation indes sichert bei vielen Menschen lebenslang den Lactase-Nachschub. Sie können weiterhin Milch trinken, ohne Darmgrollen zu erleiden.

Vererbte (Un-)Verträglichkeit

Die besagte Genvariante, auch T-Allel genannt, tritt nicht überall gleich häufig auf. "Es gibt globale Unterschiede", erklärt der Epidemiologe Georg Loss von der University of California in San Diego. Am stärksten sei die Mutation in Nordeuropa verbreitet. Wahrscheinlich aus gutem Grund. Als die ersten Bewohner unseres Kontinents vor mehr als 5.000 Jahren mit der Viehhaltung begannen, tranken sie vermutlich noch keine Milch. Auch das T-Allel scheint damals, wenn überhaupt, nur sehr selten vorgekommen zu sein. Im Erbgut steinzeitlicher Skelette ließ es sich nicht nachweisen.

Wer gleichwohl Träger dieser dominant vererbbaren Eigenschaft war, hatte in nord- und mitteleuropäischen Gefilden einen großen Vorteil. Vor allem während der kalten, dunklen Jahreszeit stellte Milch eine erstklassige Nährstoffquelle dar, meint Loss. Das erhöhte die Überlebenschancen erheblich. Und somit griffen die Mechanismen der Evolution. Das T-Allel verbreitete sich zunehmend in der Bevölkerung, bis es sogar die Mehrheit der Menschen in sich trug. Wie es heute in weiten Teilen Europas der Fall ist.

Rohmilch trinken

Die Bedeutung der Milch als traditionelles Nahrungsmittel spiegelt sich auch in der mancherorts noch immer üblichen Praxis wider, Kinder Rohmilch trinken zu lassen. Das gilt als gesund. Der Brauch findet sich überwiegend in Bauernfamilien mit eigenen Kühen. Viele Ärzte jedoch warnen eindringlich vor Rohmilchkonsum - gerade bei Kleinkindern. Zu hoch sei das Risiko einer Infektion mit gefährlichen Keimen. Es drohen Listeriose, EHEC und andere Keime.

Die Bauernweisheit kann allerdings nicht als simpler Aberglaube abgetan werden. Eine aktuelle Studie zeigt, welche positiven Auswirkungen der Verzehr von unbehandelter Kuhmilch offenbar hat. Georg Loss ist der Erstautor. Er und ein internationales Expertenteam verfolgen seit knapp zehn Jahren die Entwicklung von rund 1000 Kindern in ländlichen Regionen in Österreich, Finnland, Frankreich, Deutschland und der Schweiz - von der Schwangerschaft ihrer Mütter an. Das eigentliche Ziel ist die Erforschung von möglichen Einflüssen, die die Kleinen vor Allergien schützen. Landkinder leiden deutlich weniger unter solchen Störungen.

Die Wissenschafter ermittelten den Milchkonsum ihrer jungen Probanden, stellten diesen ihrer Anfälligkeit für weitere Gesundheitsprobleme gegenüber und machten eine faszinierende Entdeckung. Wer in seinem ersten Lebensjahr regelmäßig Rohmilch zu trinken bekommt, leidet viel seltener unter Atemwegsinfekten und Fieber. Das Erkrankungsrisiko ist etwa 30 Prozent geringer im Vergleich zum gleichaltrigen Nachwuchs. Mit Blick auf die gerade bei Kleinkindern so häufigen Erkältungen ein erstaunlich großer Unterschied. Der Effekt trat übrigens unabhängig von der Dauer der Stillzeit auf.

Nie mehr sauer werden

Handelsübliche Milch gibt es gleichwohl in unterschiedlichen Varianten, mit unterschiedlichen Eigenschaften. Das wirkt sich auch auf die kindliche Gesundheit aus. Zwölf Prozent der kleinen Testteilnehmer bekamen ausschließlich UHT-Milch vorgesetzt. Das sterilisierte Produkt übte offenbar keinerlei Schutz gegen Atemwegsinfekte aus, die Kinder litten genauso oft unter solchen Krankheiten wie in dieser Altersgruppe üblich. Eine geringe Wirkung ließ sich dagegen noch beim Konsum von pasteurisierter Milch nachweisen. Auch selbst von den Eltern aufgekochte Rohmilch behält anscheinend einen Teil ihrer schützenden Eigenschaften.

Worauf der Effekt beruht, lässt sich zurzeit noch nicht eindeutig nachweisen. Es kommen mehrere Faktoren infrage, wie Loss erläutert. Unschädliche, in unbehandelter Milch auftretende Bakterien könnten etwa die Darmflora beeinflussen, was möglicherweise wiederum zu einer verstärkten Aktivität von gewissen Schaltstellen des Immunsystems führt - eine Art Mobilmachung sozusagen. Abgesehen davon enthalten sowohl Muttermilch als auch Kuhmilch Immunglobuline und Lactoferrin, Proteine mit antiviralen und antibakteriellen Eigenschaften.

Inhaltsstoffe schonen

Ihre Wirkung beruht auf der dreidimensionalen Struktur ihrer Moleküle. Bei Erhitzen wird diese jedoch verändert - je stärker, desto mehr. Die Proteine denaturieren. In der auf 135 Grad Celsius erhitzten UHT-Milch sind somit nicht nur alle potenziellen Krankheitserreger zerstört, sondern auch sämtliche schützenden Eiweißmoleküle. Die Studie selbst hat keinerlei Hinweise auf erhöhte Gefahren durch Pathogene aus unbehandelter Milch ergeben. Durchfälle und dergleichen traten nicht vermehrt auf.

Dennoch: "Wir empfehlen nicht, Kleinkindern Rohmilch zu geben", betont Loss, "das kann immer noch große Probleme verursachen." Stattdessen sollten Methoden entwickelt werden, um die Milch ohne Erhitzung von gefährlichen Keimen zu befreien, mit modernen Filtrationsverfahren etwa. Wenn es so gelänge, die Inhaltsstoffe zu schonen, ließe sich das Produkt vielleicht zur Vorbeugung von allfälligen Verschnupfungen oder gar Asthma einsetzen. Ein niederländischer Molkereikonzern habe bereits Interesse gezeigt. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 7./8.3.2015)

  • Dass Menschen Milch verdauen können, ist eine Folge der Evolution.
    foto: picturedesk/gaurier

    Dass Menschen Milch verdauen können, ist eine Folge der Evolution.

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