Antonio Fian: In der Dichterschule

6. März 2015, 17:03
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Athen. Dichterschule. Der Meister, ein blinder Greis, umgeben von mehreren Schülern

(Von draußen Straßenlärm und Stimmen.)

MEISTER (horchend):

Höre ich recht? Mir will scheinen, es mischt in hellenischen Wohlklang sich ein Barbarengestammel. Gar selten nur hört man's im Winter. Wer aber spricht hier? Germanen? Ich hoffe, sie sind nur gekommen,

still mit der Seele zu suchen der Griechen Gefilde, nicht frech wie jene, die sommers sich tummeln an Thalattas Ufern, oft nackend, trunken vom harzigen Weine und lärmend und schamlos sich paarend. Oder gar jene, an die noch mit Schrecken oft denken wir Greise, grause Belag'rer voll Blutdurst und Geldgier und ohne Erbarmen.

Sprecht, meine Schüler, wer treibt sich herum in den Straßen der Hauptstadt?

ERSTER SCHÜLER:

Angela ist's, Herr, mit Beinamen Merkel, die Botin Europas, Mutti genannt von den meisten Germanen, geliebt von gar vielen, aber verhasst wie sonst keine Barbarin dem griechischen Volke.

ZWEITER SCHÜLER:

Denkt jedoch dran, dass die Märkte -

ERSTER SCHÜLER (unterbricht ihn):

Schäuble im Rollstuhl folgt grinsend ihr nach, der im Pfarrhaus gezeugten Tochter des Pastors, und blickt sich um, prüfend, nach Werten, die unserm Volk er könnt' nehmen, der Meister aus Deutschland, Meister des Sparens,

welcher behauptet, er wolle nur helfen, er reiche die Hand den darbenden Griechen.

ZWEITER SCHÜLER:

Freilich muss man die Märkte -

DRITTER SCHÜLER (unterbricht ihn):

Das Geld jedoch fließt ohne Umweg zurück zur

Bank der Barbaren, die einst uns Kredite gewährte, die wied'rum

füllten die Taschen unwürd'ger Fürsten und Führer der Griechen.

MEISTER:

Dann aber wär's doch ein Leichtes, wenn Schergen man schickte zu diesen,

holte das Geld, das zu Unrecht sie nahmen, und würf' in den Kerker

alle, die sich so schamlos bereichert, seien's Fürsten, seien's Knechte.

DRITTER SCHÜLER:

Das ist nicht möglich. Das Geld ist schon lang bei den list'gen Helvetern, welche die Skrupel nicht kennen, die andre wohl haben, und hüten Schätze und Geld, daran Blut klebt, höchst sorgsam und gegen Bezahlung.

ZWEITER SCHÜLER:

Nun, doch die Märkte -

ERSTER SCHÜLER: Halts Maul!

MEISTER: Lass ihn sprechen. Wer sind diese Märkte?

ZWEITER SCHÜLER:

Keiner, Herr, sah je die Märkte, doch sagt überall das Orakel,

dass, wenn den Märkten zu dienen die Menschheit sich weigert, das Ende

nah ist und dass drum die Griechen bestimmt sind, für alle zu leiden,

außer sie zahlen zurück die Kredite der Bank der Barbaren.

Nur an der Rettung der Welt liegt der gläubigen Tochter des Pastors.

(Erster und dritter Schüler sind, nach wütenden Zwischenrufen, nahe daran, sich auf den zweiten zu stürzen, werden aber vom Meister davon abgehalten.)

MEISTER: Schluss damit! Inhaltsdiskussionen in der Philosophiestunde! Wir fahren fort mit dem Sapphischen Elfsilber.

(Aber ein andermal.
Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, 7./8.3.2015)

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