Japan nach dem Tsunami: Am Traum vorbeigebaut

Vor vier Jahren zerstörte ein Tsunami die japanische Ostküste. In einer der am stärksten betroffenen Städte wurden riesige Summen in einen Gedenkpark investiert, während die Bewohner noch immer in Provisorien darben. Viele fragen sich: Wann beginnt das Leben nach der Katastrophe?

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11. März 2015, 05:30

Rikuzentakata ist neben Onagawa und Minamisanriku die am stärksten vom Tsunami des 11. März 2011 zerstörte Stadt in Japans Nordostregion. 80 Prozent der Häuser und die gesamte Infrastruktur der Stadt wurden ein Opfer der zwölf Meter hohen Flutwellen. Das Rathaus, alle Geschäfte und Restaurants wurden zerstört. 1800 von 19.000 Einwohnern kamen in den Fluten ums Leben. Fast jeder Einwohner verlor einen oder mehrere Verwandte. Von 2200 Haushalten sind noch immer 1800 in sogenannten "Temporary Houses" untergebracht. Geschäfte und Gebäude der Stadtverwaltung sind ebenfalls nur Provisorien.

Die einen haben im Tsunami ihr Haus, andere Angehörige verloren. Verlorene Sachwerte werden entschädigt, aber der Verlust von Angehörigen nicht. Das hat Neid und Missgunst unter der Bevölkerung gestiftet, weil Menschen, die Familienmitglieder verloren haben, nicht nachvollziehen können, dass nur Sachwerte entschädigt werden. Zudem weigern sich Grundbesitzer, Land für den Wohnungsbau an die Stadt zu verkaufen. Das verzögert den Neubau von Wohnhäusern und zwingt die Menschen, länger in den Übergangsunterkünften zu bleiben. Auch das gefährdet den sozialen Frieden in der vernarbten Stadt.

Abgeflachte Bergspitzen

Gleichzeitig ist unter der Führung des dynamischen Bürgermeisters Futoshi Toba ein gigantisches Wiederaufbauprogramm in Gang gekommen. Toba, dessen Frau im Tsunami starb, während er mit einem Teil des Rathauspersonals auf dem Dach seines Amtssitzes überlebte, lässt am Meer einen Erinnerungspark an die Katastrophe entstehen - dort, wo die Tsunami-Welle einen Kiefernwald zerstörte. Das ehemalige Stadtzentrum wird als Geschäfts- und Einkaufszentrum auf erhöhtem Grund wieder aufgebaut werden. Dazu wird mittels einer gigantischen Förderbandanlage die Erde eines zwei Kilometer entfernten Berges in das geplante Stadtzentrum transportiert. Die ehemals 120 Meter hohe Anhöhe soll bis August dieses Jahres bis auf eine Höhe von 20 Metern abgetragen werden. Auf dem erniedrigten Niveau sollen dann Wohnhäuser gebaut werden.

foto: reuters/carlos barria
Überreste des Erdbebens und des Tsunamis in der Präfektur Iwate in Japan.

Auch andere zuvor bewaldete Berge wurden abgeholzt und so weit abgeflacht, dass darauf größere, zum Wohnbau geeignete Flächen entstehen. Denn die Bewohner Rikuzentakatas wollen auf keinen Fall in einem tsunamigefährdeten Gebiet wohnen, auch wenn es um mehr als zehn Meter angehoben wird. Ein Teil der Einwohner traut aber der Erdbebensicherheit auf dem aufgeschütteten Areal nicht. Zwar wird der Boden fortwährend mit Straßenwalzen gepresst, aber auch so kann er nicht die Festigkeit eines felsigen Untergrunds bekommen.

Generell gibt es in der Bevölkerung einige Skepsis gegenüber dem Projekt. Der Wirt des Lokals Kurumaya sprüht eigentlich vor Lebensenergie. Doch die trüben Gedanken drücken ihm aufs Gemüt. Bedenken hat er, ob die Stadt mit dem gigantischen Aufbauplan wiederbelebt werden kann. Aber er sagt auch: Dieser Plan ist meine Hoffnung. Er hat sein kleines Lokal und eine Wohnung verloren. Jetzt hat er auf einem höher gelegenen Areal eine provisorische Ausschank. Seine Frau und seine beiden Söhne wohnen in einem der Übergangshäuser, aber weil der Raum dort so beengt ist, schläft er im Schankraum. Drei Jahre wird es dauern, schätzt er, bis er in eine neue, feste Bleibe ziehen kann.

Auswirkungen des Erdbebens und Tsunamis in Rikuzentakata.

Rikuzentakata ist eine Stadt, deren Bevölkerung abnimmt. Die Geburtenrate ist niedrig. Das war schon vor dem Tsunami so. Von den sechs ehemaligen Junior Highschools werden in Zukunft nur noch drei fortgeführt werden. Eigentlich ist Rikuzentakata eine sterbende Stadt. Warum dann das riesige Wiederaufbauprogramm, das die gigantische Summe von 600 Milliarden Yen (ca. 4,5 Milliarden Euro) kosten wird?

Für den Bürgermeister und seine Stadtverwaltung ist das Wiederaufbauprogramm die Wette auf die Zukunft. Das neue Symbol der Stadt ist die "Miracle Pine", die einzige Kiefer des Waldes am Strand, die dem Tsunami widerstanden hatte. Sie hat zwar nicht überlebt, weil der vom Meerwasser versalzte Untergrund die Wurzeln zerstört hat, aber mit Spenden aus der ganzen Welt gelang es, eine künstliche Kiefer an deren Stelle zu errichten. Sie ist das Symbol des Überlebenswillens der Stadt und ihrer Bewohner, und sie soll zum weltweiten Markenzeichen für Rikuzentakata werden. Inspiriert hat Bürgermeister Toba die Atombombenkuppel und der Memorial Park von Hiroshima. Sie sind in ihrer Wirkmächtigkeit das Vorbild für den Erinnerungspark und die Miracle Pine. Touristen aus der ganzen Welt sollen nach Rikuzentakata pilgern, dort des Tsunamis gedenken und Geld in die leere Stadtkasse spülen.

foto: ap photo/itsuo inouye, file
Eine Angehörige trauert um ihre Eltern, die beim Tsunami in Rikuzentakata ums Leben kamen.

Tiefrot waren die Zahlen in Rikuzentakata schon vor dem Tsunami. Die primär in der Landwirtschaft, der Muschelzucht und der Seetangernte tätigen Familienbetriebe erwirtschaften viel zu wenig, um der Stadt ein entsprechendes Steueraufkommen zu garantieren. Wie viele Kommunen der Region war die Stadt weitgehend von den Zuschüssen aus Tokio abhängig. Mithilfe des Tourismus soll sich das ändern.

Noch aber lastet die Zerstörung der Stadt wie ein Alb auf den Menschen. In den nur teilweise zerstörten Nachbarstädten ist der Prozess der Normalisierung des Lebens viel weiter vorangeschritten als in Rikuzentakata. Bis heute, so der Wirt des Kurumaya, gibt es in der Bevölkerung keine Aufbruchstimmung. In den Nachbarstädten, sagt er, gehen die Menschen nicht mehr mit gesenktem Kopf, sondern haben anders als in Rikuzentakata ihren früheren Optimismus wiedergefunden.

In Kesenuma, einer unweit gelegenen Stadt, in der das niedrig gelegene Hafenviertel von einer zwei bis sechs Meter hohen Flutwelle großteils zerstört wurde, sind schon viele Geschäfte auf etwas höherem Grund wieder errichtet worden. Vor einer ähnlich großen Welle wäre die Stadt dennoch nicht geschützt.

Schutzwälle gegen die Angst

In Rikuzentakata, das von dem Tsunami noch viel schwerer getroffen wurde, will man kein Risiko eingehen. Der Bürgermeister und die Bauplaner arbeiten hier an etwas nahezu Unmöglichem: dem absoluten Schutz der Stadt und seiner Einwohner. Zusätzlich zur Höherlegung des Stadtzentrums sollen ein 12,5 und ein 3,5 Meter hoher Wall errichtete werden, die einen Tsunami von der Größe jener Flutwelle aus dem Jahr 2011 stoppen sollen. Erdbebenforscher warnen vor dem blinden Vertrauen in diese gewaltigen Schutzbauten. Doch trotz der Skepsis und Unsicherheit, die mit dem Wiederaufbauplan verbunden ist, wollen die Bewohner nur eines: raus aus den beengten Provisorien und endlich wieder ein normales Leben in einem richtigen Haus und einer richtigen Stadt führen.

foto: reuters/kim kyung-hoon/files
Ein Fahrzeug fährt durch die Trümmer der Stadt Rikuzentakata. Wird die Stadt keine touristische Attraktion, sieht die Zukunft düster aus.

Bürgermeister Toba strahlt unverdrossen Mut aus. Aber seine Wette auf das Wiederaufbauprogramm ist nicht ohne Risiko. Wird die Stadt keine touristische Attraktion, sieht die Zukunft düster aus. Ohne größere Steuereinnahmen wäre sie zu großen Einsparungen gezwungen. Menschen würden ihre Arbeit verlieren, eine neue Normalität im Schatten der Schutzwälle bliebe ein Traum. Als Folge würden die jungen Leute in die großen Städte ziehen. Das neue Rikuzentakata wäre dann eine Stadt ohne Zukunft. Rikuzentakata ist zum Erfolg verdammt. (Siegfried Knittel, DER STANDARD, 11.3.2015)