Der große Meinungskrieg im Internet

9. März 2015, 11:38
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Verschwörungstheorien überschwemmen das Internet. Zu jeder Frage werden abstruse Parallelrealitäten geschaffen

Der Mann mit dem Mailnamen "midistar2004" ist ein verlässlicher Lieferant. Woche für Woche schickt er in die Mailboxen österreichischer Journalisten spannendes Material über die Welt und eine gewisse Sicht auf diese. Sein Motto hat er von dem chinesischen Weisen Konfuzius: "Lernen, ohne zu denken, ist sinnlos; denken, ohne zu wissen ..., ist gefährlich." Kann man ja nichts dagegen sagen, aber dann wird es schon weniger philosophisch-gelassen: "Sie (die NATO/CIA-PR-treuen Medienhuren) luegen wie gedruckt. Wir drucken wie sie luegen."

Es folgt ein dicker Schüppel von Links auf Websites, auf denen es von Verschwörungstheorien nur so dampft. "Midistar" ist damit nicht allein. Besonders im deutschen Sprachraum, aber auch im englischen wimmelt es nur so von Websites und Blogs, die behaupten, die "Wahrheit" (im Gegensatz zur "Lügenpresse" und den "Mainstream-Medien") zu verkünden - und doch nur absurde Verschwörungstheorien verbreiten. Manche davon sind ganz klar Desinformationsvehikel diverser Regierungen und Interessengruppen, manche sind selbstgebastelt von Überzeugungstätern, manche sind kommerzielle Unternehmen, die einen Markt entdeckt haben.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" klagt: "Das Netz droht von einem Medium der Information zu einem Vehikel der Desinformation zu werden. Wer sucht, der findet für jede noch so abwegige Ansicht eine Theorie."

"Alternative Wahrheiten" im Überfluss

Blitzschnell sind sie da, die "alternativen Wahrheiten" zu jedem großen Ereignis, wie jetzt dem Nemzow-Mord. Die Webseite "Linke Zeitung" zum Beispiel: "Brandaktuell: False Flag in Moskau!" Soll heißen: Dunkle Kräfte wollen den ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow als Opfer Putins darstellen. Denn: "Er war einer der charismatischsten Anführer der 'liberalen' oder 'demokratischen' Opposition. Versteht bitte, dass im russischen Zusammenhang 'liberal-demokratisch' pro-US oder CIA-gelenkt bedeutet."

"False Flag" ist ein sehr beliebter Topos unter den Verschwörungstheoretikern (VT). Der deutsche Hochleistungs-VT Gerhard Wisnewski fragt auf Youtube, einem beliebten Vehikel: "War 'Charlie Hebdo' eine 'False Flag'-Operation?" Schließlich sei "ein gegen den Islam geeintes Europa exakt der Baustein für ein Weltreich von amerikanischen Gnaden, wie es den Vereinigten Staaten wohl vorschwebt". Wisnewski hat schon die Attentate der RAF, von 9/11 und die Mondlandung als Komplott "entlarvt". Das Erdbeben im italienischen L'Aquila im Jahr 2009 könnte ein Unfall des Teilchenbeschleunigers Cern in Genf gewesen sein. Und Jörg Haider wurde natürlich Opfer eines Anschlags.

illustration: claudia meitert

ARD/ZDF=Goebbels?

Clevere Verschwörungstheoretiker bezichtigen andere der Verschwörungstheorie - "Transatlantische Verschwörungstheoretiker schlachten Mord an Boris Nemzow aus", schreit die VT-Webseite "Die Propagandaschau": "Die Lügenbande in ARD und ZDF erweist sich einmal mehr als gelehrige Schüler Goebbels und nutzt den Mord an Nemzow nicht weniger schamlos, als Goebbels und Konsorten den Reichstagsbrand."

Desinformation ist eine von Geheimdiensten, vor allem vom sowjetischen Geheimdienst KGB, entwickelte Methode, mit Informationspartikeln und plausibel klingenden Halbwahrheiten Zwei-fel zu säen: Der deutsche Blogger Jürgen Elsässer stellt ein Foto ins Netz von Nemzow in entspannter Situation mit einer hübschen Frau. Titel: "Nemzow-Mord: Cherchez la femme!" Was den in Moskau gestreuten Gerüchten entspricht, Nemzow sei nicht wegen seiner Oppositionsrolle, sondern einer Weibergeschichte erschossen worden.

"Die Angstindustrie"

Elsässer ist ehemaliger Kommunist, ehemaliger "Konkret"-Redakteur, jetzt Pegida-Anhänger. Von ganz links nach ganz rechts, kein seltenes Phänomen. Als bei einer der letzten Pegida-Demonstrationen in Dresden Neonazis versuchten, ein Flüchtlingscamp zu stürmen, komponierte er die Schlagzeile: "Lügenpresse erfindet Pegida-Gewalt gegen Flüchtlingscamp vor Semperoper". In seiner Zeitschrift "Compact" titelt Elsässer "Kann Putin die Nato stoppen?" (unter einem Porträt von Putin mit goldbetresster Militärkappe).

Das verkauft sich nicht so schlecht. Wisnewski etwa publiziert im Kopp-Verlag, der mit Titeln wie "Der Dritte Weltkrieg - Schlachtfeld Europa" zweistellige Zuwachsraten erzielt. Auf dem Internetportal von Kopp kann man auch lesen, dass Impftermine für Kinder "nur dazu dienen, die Eltern einer Gehirnwäsche zu unterziehen", schreibt die FAZ, die dafür den Begriff "Angstindustrie" gefunden hat. Impfen ist übrigens die neue Gentechnik. Auf "Impfkritik.de" kann man endlos Impf-Horrorstorys lesen ("Masern: sind Geimpfte trotzdem ansteckend?").

Weltsicht zusammengoogeln

Tatsache ist jedoch: Der seriöse Journalismus hat ein Problem. Das hängt zunächst mit den technischen Gegebenheiten zusammen. Jeder kann sich heute seine Weltsicht zusammengoogeln. Wobei der Algorithmus die eigene Weltsicht nur bestärkt. Google passt seine Treffer den Interessen der Kundschaft an.

Die Funktion des (seriösen) Journalisten als "Gatekeeper", der Informationen sammelt, prüft, einordnet und auswählt, wird dadurch zunehmend untergraben. Ein Drittel der jungen Amerikaner informiert sich nur noch per Social Media, die Vertrauenswerte deutscher Journalisten sinken stetig.

Die Kommentarfunktion in den Internetforen der Zeitungen (auch des STANDARD) wird von vielen Postern dazu benutzt, um auf Websites zu verlinken. Manches ist interessante Zusatzinformation, einiges haarsträubender Blödsinn.

Von transatlantischen Thinktanks gesteuert

Ein massiver Angriff auf renommierte deutsche außenpolitische Journalisten wurde von der ARD-Satiresendung "Die Anstalt" und dem unter problematischen Umständen von der FAZ geschiedenen Udo Ulfkotte in seinem Bestseller "Gekaufte Journalisten" gefahren. Beide stützen sich auf eine Studie des Leipziger Medienwissenschafters Uwe Krüger.

Er hat in seiner Studie "Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten - eine kritische Netzwerkanalyse" (Verlag Halem 2013) bedeutende außenpolitische Journalisten von der "Zeit", der FAZ und der "Süddeutschen" bezichtigt, sie hätten eine "Schlagseite zu den USA und zur Nato" und seien von transatlantischen Thinktanks mehr oder minder gesteuert.

Auf die Idee, dass sie einfach ihren Job als Journalisten machen, indem sie dort hingehen, wo es Kontakte, Informationen, Zugang zu Analysen gibt, ist der junge Medienwissenschafter nicht gekommen. Dass man sich nicht vereinnahmen lassen darf, versteht sich von selbst. Aber wer keinen Zugang zu Akteuren der Politik, Wirtschaft, Kultur hat, kann nur im Pyjama zu Hause sitzen und einen Blog über seine Weltsicht schreiben.

illustration: claudia meitert

Die Leser haben Alternativen

Das gilt übrigens nicht nur für "transatlantische" Institutionen. Der russische Valdai-Klub ist eine Vereinigung von hunderten russischen und westlichen Journalisten und Wissenschaftern. Seine große Attraktion sind gelegentliche Treffen mit Wladimir Putin, bei denen auch Fragen gestellt werden können. Auch der österreichische Russland-Experte Gerhard Mangott nimmt die Gelegenheit gerne wahr. Jeder Wissenschafter oder Journalist, der hier nicht dabei sein will, hat seinen Beruf verfehlt. Und das, obwohl der Valdai-Klub eine Gründung staatlicher Institutionen ist.

Dennoch muss sich jeder seriöse Journalist an den Gedanken gewöhnen, dass seine Leser jetzt eine Unmenge an scheinbaren und tatsächlichen Alternativen haben. Und dass es Leute wie Udo Ulfkotte gibt, die einem nicht kleinen Publikum empfehlen, sich "kostenlos im Internet auf den vielen alternativen Nachrichtenportalen" zu informieren (aber natürlich die Bücher von ihm schon zu kaufen).

Kein harmloser Unfug

Der "Spiegel"-Autor Cordt Schnibben hat in einem langen Essay (10/2015) die Notwendigkeit für die Journalisten (und Verlage) dargelegt, zu ihren Lesern ein neues Verhältnis zu finden, "vom Prediger zum Zuhörer zu werden". Die alleinige Deutungshoheit des Journalisten sei mit dem Internet unwiederbringlich verloren.

Es gehe darum, den Konsumenten davon zu überzeugen, dass das eigene, aufwendig erzeugte Produkt immer noch überzeugender, qualitätsvoller, relevanter (und besser geschrieben) ist als die Info-Fetzen, die durch das Universum des Internets treiben. Zur Illustration legt er eine mit den Anmerkungen der "Spiegel"-Faktenchecker übersäte Textseite vor.

Es steht aber noch mehr auf dem Spiel. Die "Zeit" erinnert daran, dass die Verschwörungstheorien, die da umgehen, "kein harmloser Unfug" seien. "Ihre wachsende Anhängerschar hat sich von Demokratie und öffentlicher Debatte abgewandt". Der Medienwissenschafter Bernhard Pörksen (siehe Interview) ortet eine Gefahr für die "offene Gesellschaft". Denn wenn ohnehin alles "von oben gesteuert" ist, wozu dann noch Demokratie? (Hans Rauscher, DER STANDARD, 7.3.2015)

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