Spanische Scharlachepidemie

6. März 2015, 17:05
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Die Kunstmesse Arco präsentierte sich stark wie seit Jahren nicht. Gastland Kolumbien stärkte die Position als europäischer Marktplatz für Zeitgenössisches aus Lateinamerika

Aufatmen hieß es auf der Arco Madrid. "Rote Punkte", die Markierung erfolgreicher Verkäufe, sind zurück, en masse. Interessenten standen Schlange und kauften rasch - vor allem in der preislichen Mitte. Kurzum, die 34. Auflage (25. Februar bis 1. März), die vierte unter Messedirektor Carlos Urroz, bot den vertretenen 218 Galerien Grund zur Freude.

Modernes im Toppreisniveau durfte dabei nicht fehlen. Ein Garant hierfür ist stets Leandro Navarro (Madrid), der gleich mit zwei Pablo Picassos - um 1,4 Millionen Euro (Nature morte, 1921) sowie um 910.000 Euro (Le dejeuners, 1961) - aufwartete. Eine Grafik von Wassily Kandinsky (Entwurf zu Leicht zusammen, 1933, 250.000 Euro) kaufte ihm prompt seine deutsch-spanische Kollegin Helga de Alvear ab. Elvira Gonzáles (Madrid) veräußerte mit Jean-Michel Basquiat (Quij, 1985, 2,5 Mio. Euro) das höchstdotierte Werk der Messe.

1,5 Millionen Euro, ein Drittel des Vier-Millionen-Euro-Messebudgets, diente dazu, 300 internationale Sammler einzufliegen, die sich unter die 100.000 Besucher mischten. Urroz, der 2010 die Arco als zur Sternschnuppe verkommenen Fixstern unter den Messeterminen übernahm, bilanzierte klar positiv: "Wir hatten zehn Prozent mehr Händler", sagte er dem Standard und fügte an: "Der spanische Markt hat sich reaktiviert."

Frisch anmutende Farblachen

Wichtiger noch, Madrid gelang neuerlich seine Positionierung als der Umschlagplatz Europas für Zeitgenossen aus Lateinamerika (47 Galerien aus zehn Staaten). Gastland Kolumbien überraschte positiv, mit zehn Vertretern aus Bogotá, Cali und Medellín. Kuratiert von Juan A. Gaitan (Biennale Berlin), waren sie auf Linie mit einer braveren Edition, die diesmal skandalfrei verlief. Von Unkenrufen zu des Kubaners Wilfredo Prietos halbvollem Wasserglas (2006, 20.000 Euro) bei Nogueras Blanchard (Barcelona) abgesehen. Konzeptionell wie technisch bestachen frisch anmutende Farblachen von Jorge Magyaroff (je nach Format: 2000 bis 7600 Euro). Sein Motto: "Wegen verschütteter Farbe vergießt man keine Tränen." Um seine Werke aus der Serie Expansiones, die Magyaroff 2013 "nach einem rabenschwarzen Tag im Atelier begann", wie er sagt, scharte sich bei El Museo (Bogotá-Dependance von Fernando Pradilla, Madrid) tastfreudiges wie auch um ihre Roben besorgtes Publikum. Einen akustisch untermalten Blickfang bot Icaro Zorbars Instalación atendida (2014, 15.000 US-Dollar, bei Casas Rieger, Bogotá). "Eine Installation, um die man sich kümmern muss", wie er sagt - ein Ventilator und ein ausgeweideter Kassettenrekorder. Das Magnetband tänzelt flatternd in der Luft zu melancholischer Musik.

Heikles zu Kolumbien (Drogen, Gewalt, Prostitution) fand sich versteckt hinter dem Vorhang, auch dank Edison Quiñones "N-ARCO"-Hinweisschilds. Dritter und, da zwei Kojen das Limit waren, hineingeschmuggelter "Piraten-Künstler", wie er sich selbst nannte, bei Valenzuela Klemmer (Bogotá). Nicht einzig kommerziell ausgerichtet, bietet man hier jungen, schwierig vermarktbaren Künstlern Raum. Wie der Videoinstallation von Edwin Sánchez zum Thema Prostitution Minderjähriger Mal menor (Ed. v. 5, um 5000 US-Dollar, 2014).

Österreichs Madrid-Abstecher

Erfolgreich verlief der Madrid-Abstecher für die Österreicher. Ursula Krinzinger brachte in den ersten Stunden einen Secundino Hernández (hat sie stets im Arco-Gepäck) je 42.000 Euro "an einen spanischen Sammler". Reger Betrieb herrschte bei Rosemarie Schwarzwälder (Nächst St. Stephan). Präsentierte sie doch unter anderen Michal Budny (ohne Titel, 2013, 6600 Euro) und Manfred Pernices Spiralkörper sowie dessen Casette (5500 Euro). Charim richtete im "Solo-Project" auf Roberta Lima den Fokus. Galeriedirektor Kurt Kladler zielt dabei darauf ab, "ihre Arbeit bei Kuratoren international bekannt zu machen". (Jan Marot, Album, DER STANDARD, 7./8.3.2015)

  • Ein Blickfang aus Bogotá bei El Museo: "Repisa Roja" (2013) von Jorge Magyaroff. Mischtechnik aus Lacken und Harzen mit Aluminium- und Plastikbehältern (Größe variabel) für 4600 Euro.
    foto: galería el museo, bogotá

    Ein Blickfang aus Bogotá bei El Museo: "Repisa Roja" (2013) von Jorge Magyaroff. Mischtechnik aus Lacken und Harzen mit Aluminium- und Plastikbehältern (Größe variabel) für 4600 Euro.

  • Vierte Arco-Messe unter Carlos Urroz: "Der spanische Markt hat sich reaktiviert."
    foto: imago stock&people

    Vierte Arco-Messe unter Carlos Urroz: "Der spanische Markt hat sich reaktiviert."

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