Draußen sein mit ... dem Avalung-Atemgerät

8. März 2015, 15:00
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Die Idee des Lawinenschnorchels von Black Diamond ist an sich gut. Bergprofis und Bergführer empfehlen das Avalung-System aber dennoch schon länger nicht mehr

Der Fairness halber: Die Leute von Black Diamond haben sich nicht vorgedrängt. Und auch keine Sekunde lang behauptet, dass die Avalung-Technologie heute noch das Ei des Columbus ist. Im Gegenteil: Die Presseabteilung des renommierten Bergsportunternehmens reagierte ziemlich zurückhaltend - und unterstrich mehr als deutlich das "auch" in der Aussage, dass das Avalung-System im alpinen Sicherheitsdenken durchaus auch eine Existenzberechtigung habe.

Black Diamond ist schließlich in der Entwicklung von Berg-Tools ein Name, der für "ganz vorne" und "hochqualitativ" steht: Mit dem "Jetforce"-Lawinenairbag hat die seit 1957 aktive Marke einen der innovativsten und fortschrittlichsten Lawinenrucksäcke am Start (von denen - um einer häufigen Leser/Poster-Frage nach zu kommen - bisher leider kein Testrucksack zu einem für mich brauchbaren Zeitfenster verfügbar war): Statt einer Einmal-Druckluft- oder Gaskartusche wird der "Luftballon" von einem kleinen, leistungsstarken Elektromotor aufgeblasen.

Immer wieder. ("Pieps" verwendet das gleiche System). "Avalung"? Ja eh. Haben wir auch noch im Programm. Aber um einen Test-Rucksack zu finden, mussten die Schweizer dann fast eine Woche im Lager suchen. Das sagt auch etwas aus …

foto: thomas rottenberg

Doch da war eine Leser-Frage: Ob "dieses Schnorchelsystem" für Geländeskifahrer nicht ebenso sicher wie, aber eben doch deutlich billiger als die teuren Lawinenrucksäcke sei.

Kurz gesagt: Nein.

foto: thomas rottenberg

Die Langfassung:

Ein von einer Lawine Verschütteter hat - abgesehen von der Option, von Schnee, Trümmern oder dem Sturz mit der Lawine tödlich verletzt zu werden - das Problem, dass ihm die Luft ausgeht. Nach 15 Minuten sinken die Überlebenschancen dramatisch. Nicht, weil im Schnee zu wenige Luft wäre - sondern weil man an der eigenen (Aus-)Atemluft erstickt. Die Atemhöhle rund ums Gesicht vereist - und der steigende CO2-Anteil darin erledigt den Rest.

Die Überlebenszeitspanne zu verlängern ist natürlich alles andere als blöd. Genau das tut Avalung: Mit dem Schnorchel wird die Luft an anderer Stelle (im Rückenbereich) ausgeatmet als angesaugt (im Schulterbereich). Fazit: Das Zeitfenster vervierfacht sich. Rechnerisch.

black diamond equipment

Die Sache hat allerdings Haken. Der größte ist der Schnorchel: Den muss man rechtzeitig im den Mund haben - und dort behalten. In einer Lawine.

Außerdem ist im alpinen Notfall-Prozedere eine Totalverschüttung keine Option, die als "akzeptabel" gilt: Punkt eins lautet durch Planung und Verhalten den Lawinenabgang um jeden Preis zu vermeiden. Schritt zwei folgt, wenn das misslingt - und heißt "nicht verschüttet werden".

Das Notfall-Tool der Wahl ist der Lawinenairbag

Das Notfallausrüstungstool der Wahl (neben der Pflicht-Ausrüstung zur Kameradenbergung) im Wortscase-Szenario ist heute daher der Lawinenairbag, betont Martin Schuster vom "Alpincenter Lech": Weder der Sicherheitsprofi noch seine Bergführer raten zu Avalung. Im Gegenteil.

Nicht, weil die Idee falsch ist: Es gibt belegte Fälle, wo Avalung Leben rettete. Und natürlich ist ein 100-Euro-Schnorchel (in Rucksäcke verbaut oder "nackt" zum Über-der-Ausrüstung-Tragen) günstiger, leichter und weniger klobig als ein 800-Euro-Airbag. Dennoch: "Ich würde niemandem empfehlen, sein Leben davon abhängig zu machen, einen Gummischlauch im Mund behalten zu können."

foto: thomas rottenberg

Freilich: Avalung-Geräte verschwinden. Heuer sah ich - trotz intensivem Ausschauhaltens - nur zwei. Eine Benutzerin sprach ich an: Die Dame hatte den Rucksack ausgeborgt - und glaubte, der Schlauch sei ein Trinksystem.

Jedem Avalung-Set ist übrigens eine Nasenklammer beigelegt: Um Luft nicht aus der CO2-übersättigten Zone ums Gesicht einzuatmen, sollte die Nase verschlossen sein. Also: Nasenklammer. Die ist laut Bedienungsanleitung vor der Verschüttung anzulegen. Ich brauchte daheim beide Hände dafür. Ohne Handschuhe. Ohne Stress.

foto: thomas rottenberg

Der Fairness halber: Dass diese Vorschrift leicht weltfremd ist, steht auch in der Bedienungsanleitung.

Avalung-Systeme gibt es online ab rund 100 Euro.

foto: thomas rottenberg

(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 8.3.2015)

Blackdiamond

Alpincenter Lech

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien:

Der Testrucksack wurde von Black Diamond leihweise zur Verfügung gestellt. Thomas Rottenberg war auf eigene Kosten in Lech. Er wurde bei der Arbeit von der Lech-Zürs Tourismus Gmbh und dem Alpincenter Lech unterstützt.

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