Geldverschwendung mit Plattfüßen und schlechten Knien

6. März 2015, 11:57
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Bei vielen Therapien, weiß man nicht, ob sie tatsächlich nutzen - etwa bei Schuheinlagen gegen Platt- und Spreizfüße

Plattfuß, Hohlfuß, Senkfuß, Spreizfuß, Hallux valgus (Schiefstand des großen Zehs) – nicht alle Füße wachsen so, wie es sich das andere Ende des Körpers wünschen würde. Fußfehlstellungen sind häufig und werden in vielen Fällen mit Schuheinlagen behandelt.

Erwiesenermaßen Sinn machen solche Einlagen nur beim Hohlfuß und einzelnen Extremfällen, nicht jedoch beim häufigen frühkindlichen Plattfuß. Warum wird trotzdem häufig dazu geraten? Oder allgemeiner: Warum fließt so viel Geld in Behandlungen, von denen weder Nutzen noch Schaden genau bekannt sind?

Arzt will helfen

Dahinter steht weit mehr als die wirtschaftlichen Interessen derjenigen, die daran verdienen. Wenn ein Orthopäde einem Patienten mit Plattfüßen eine Einlage verschreibt, macht er das nicht aus Eigennutz, sondern natürlich weil er hofft, damit zu helfen oder ein späteres Problem zu verhindern.

Denn was dem Orthopäden und überhaupt uns allen extrem schwer fällt, ist, nichts zu tun. Wenn jemand Hilfe sucht, wollen wir helfen - auch wenn es oft am besten wäre, einfach nur die Zeit arbeiten zu lassen. Bei Ärzten kommt noch die Erwartungshaltung der Patienten dazu – niemand geht mit einem Problem zum Arzt, damit der dann nichts tut.

Wenn dann noch, wie bei den Schuheinlagen, relativ sicher ist, dass es in den meisten Fällen keine negativen Auswirkungen hat, bevorzugen alle Beteiligten eine Behandlung mit ungewissem Nutzen gegenüber gar keiner Behandlung. Die Behandler profitieren und die Patienten freuen sich, nicht mit leeren Händen – oder in diesem Fall leeren Schuhen – weggeschickt zu werden. Wenn die Dinger nichts helfen, entsteht ihnen ja nur ein kleiner finanzieller Schaden.

Viele verschiedene Probleme

Ob Schuheinlagen helfen, ist gar nicht so einfach festzustellen – zu unterschiedlich sind die Problemfüße, zu vielgestaltig die Einlagen. Aktuelle Übersichtsarbeiten finden nur methodisch schwache Studien, bei denen zu kleine Patientengruppen für zu kurze Zeit untersucht wurden.

Das macht es unmöglich herauszufinden, welche Art von Einlage bei welchem Problem wie gut hilft. Zu jeder einzelnen Diagnose und jeder Bauart von Einlagen bräuchte es Studien mit vielen Teilnehmern über lange Zeiträume. Und bis solche Studien vorliegen sind Patienten und Behandler auf der vermeintlich vorsichtigen Seite und behandeln drauf los.

Schuheinlagen sind ein Beispiel, wie Geld in Behandlungen fließt, deren Nutzen unbekannt ist. Ob dieses Geld verschwendet ist oder doch dem Wohle der Patienten dient, wissen wir schlicht und ergreifend nicht.

Knie-Arthroskopie wirkungslos

Die Steigerungsform ist, wenn Geld in Behandlungen fließt, deren Nutzen widerlegt ist: Ein umsatzstarkes Beispiel ist die Knie-Arthroskopie (Gelenkspiegelung) bei Abnützungen. Diese kleine Operation wird in Österreich sehr häufig durchgeführt, dabei wird das Gelenk durchgespült und Meniskus und Knorpelteile werden geglättet. Bei akuten Gelenkstraumata sind Arthroskopien auch durchaus sinnvoll.

Bei Abnützung zeigen Studien jedoch deutlich, dass diese Eingriffe langfristig keinen Einfluss auf die Schmerzen im Kniegelenk haben. Auch die Beweglichkeit wird nicht verbessert. Hier steht also ein nicht vorhandener Nutzen den Nebenwirkungen eines operativen Eingriffs entgegen – und den Kosten die dadurch entstehen. Das aktuelle Wissen wird ignoriert.

Evidenzbasierte Medizin ist kein Sparprogramm – Patienten sollen die beste verfügbare Behandlung bekommen, nach bestem aktuellem Wissen. Dass die Evidenzbasierte Medizin manchmal als Sparprogramm dargestellt wird, liegt an den zahlreichen Behandlungen, die gang und gäbe sind, obwohl ihr Nutzen nicht bewiesen ist – wie eben bei Schuheinlagen – oder deren Nutzen widerlegt ist – wie bei der Arthroskopie. Hier kann nicht nur Geld gespart werden, hier kann in erster Linie Patienten Vieles erspart bleiben. (Gerald Gartlehner, derStandard.at, 6.3.2015)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Einlagen sind nicht für alle Fußfehlstellungen gleichermaßen sinnvoll.
    foto: wikipedia/aleser/gemeinfrei

    Einlagen sind nicht für alle Fußfehlstellungen gleichermaßen sinnvoll.

  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

    EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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