Überlebenshilfe für die digitale Zuchtanstalt

10. März 2015, 05:30
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Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier hat ein heißes Manifest gegen gegenwärtige gesellschaftliche Übereinkunft, gegen die totale Dressur des Ich und für eine "Störungsbiografie " geschrieben. Das kann natürlich kein frohes Gezwitscher werden. Zum Glück.

Da kommt kein Nachfolgebuch. Unmöglich. Bernhard Heinzlmaier (Institut für Jugenkulturforschung, tfactory) hat sich hier einfach alles von Herz, Gemüt und Leber geschrieben.

Entstanden ist ein wildes Gewebe gegen Zeitgeist, Anpassung, Schweigen und Verblöden, ein hemmungslos wertendes, politisch natürlich äußerst unkorrektes Wörterbuch all dessen, woran sich Rückschritt - eigentlich tiefer Rückfall, ein Angekommensein in absolut amoralischen Zeiten - festmachen lässt. Eine recht wortgewaltige Abrechnung mit dem System, aus der sich notgedrungen die Anleitung zum Widerstand, eigentlich zur Subversion, ergibt. Taktiken des Sich-Entziehens, Strategien für lustvolle Formen "der Behinderung der neoliberalen Staatsmacht" erscheinen.

Zwangs-Ästhetisierung

Das wird streckenweise unschön - muss es auch, denn Heinzlmaier schüttelt sich wie ein richtig großer, richtig nasser Hund, wenn er sich dem Flor der "Ästhetisierung" aller Lebens- und Konsumbereiche zuwendet, einer "Technik, mit der alles um uns in den Zustand der Genießbarkeit versetzt wird ... dort, wo die Realität sperrig, hässlich und konflikthaft ist, wird ein ins Positive verfremdetes Bild vor die Welt geschoben." Wer daran rütteln mag, werde als krank eingestuft. Als genussunfähig und daher krank, als Schlechtredner, als Störenfried der Konsumwelt, in der ein kleines Lüstchen das nächste jagen muss. Übrig bleibe "depressive Hedonie".

Die Ausgangslage im Buch: "Das System ist in der Krise. So gut wie nichts funktioniert. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter, Arbeitslosigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse breiten sich aus; die Jugend wird in Praktika gezwungen ... wir sind dabei, zu einer Gesellschaft der Normopathen zu werden." Verlust von Vertrauen in die Politik und die Zukunft der Gesellschaft inklusive. Heinzlmaiers Ziel: Die "eingebildete Gesundheit" bekämpfen, die Masken des twittervergnügten, sinnentleerten Optimismus abreißen, damit man es wagt, "wieder so zu sein, wie es den gesellschaftlichen Verhältnissen entspricht: kritisch, zynisch, ironisch und wenn notwendig auch pessimistisch."

Runter mit der Fratze

Weil: Der persönliche Optimismus, der auch in Heinzlmaiers Umfragen und Jugendstudien auftritt, sei "aufoktroyiert, weil er für die Eliten des Neoliberalismus eine wichtige Produktivkraft darstellt". Optimisten leisten und konsumieren halt mehr, bleiben optimal "geschmiert" für das "Funktionieren des herrschenden Ausbeutungssystems". Dabei erscheint Heinzmaier eben dieser Optimismus als "lachend-optimistische Fratze des kühl-kalkulierenden Egozentrismus".

Dass ein Symptom des gesellschaftlichen Zustands, an dem Heinzlmaier offenbar besonders leidet, die "Geilheit auf Öffentlichkeit" ist - unnötig zu erwähnen. Ausformuliert im Big Picture lautet das so: Eine "kulturell völlig degenerierte Prominenz und eine geschmack- und niveaulose Follower-Gemeinde ergänzen sich im postmodernen medialen Aufmerksamkeitsspektakel perfekt".

Die Gesellschaft habe sich "out of the hot, into the cool" gewandelt. Postulat: "Die Zeiten der Moral sind vorbei." Wer sich an dieser Stelle empört, dem wird eines übergezogen: "Das haben die nicht begriffen, die sich gerne empören. Die großen Konzerne bestimmen, was auf der Welt geschieht, und kümmern sich einen Schmarrn um die Einwendungen der moralisch Empörten."

Nur nicht alles ganz geben

Wer das wisse, den würden die Intrigen der Arbeitskollegen, die Lügen der Werbung, die Korruption der Politik, die Manipulation der Medien und die Betrügereien der Wirtschaft nicht mehr verblüffen, schreibt Heinzlmaier.

Konkret: "Arbeit und Genuss, das sind die beiden Gewichte, die die Menschen nach unten ziehen, sie am Boden der Realität einer immer inhumaner werdenden Leistungs- und Konsumgesellschaft festhalten."

Distanz rät Heinzlmaier zur Entlastung, und zwar zu Arbeit und Genuss, ganz im Sinne Montaignes, der empfahl: "Mache deinen Job gut, aber nicht zu gut." Entsprechende Warnungen vor Motivationstrainern und Bergleuten des Business, die nach versteckten emotionalen Ressourcen baggern, inklusive. (DER STANDARD, 07./08.03.2015)

Bernhard Heinzlmaier, "Verleitung zur Unruhe. Zur Hölle mit den Optimisten", Ecowin 2015, 320 Seiten, ca. Euro 23,-

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