Amerikanist: "USA haben noch lange kein System der Gleichheit"

Interview6. März 2015, 05:30
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Für den US-Experten Jürgen Martschukat hat sich der Rassismus in den vergangenen Jahren verstärkt. Ungleiche Verhältnisse wie in Ferguson sind dort weit verbreitet

STANDARD: Wie repräsentativ ist Ferguson für die USA?

Martschukat: Im Zuge der Ferguson-Berichterstattung wurde ausgiebig in den Archiven gekramt, und dabei stellte sich heraus, dass solche Verhältnisse in den USA schon lange üblich sind. Es ist bewiesen, dass Polizeieinheiten, die aus schwarzen und weißen Beamten bestehen, effizienter sind. Trotzdem ist es in allen Landesteilen üblich, dass weiße Polizeikräfte in vorwiegend schwarzen Nachbarschaften eingesetzt werden. Ferguson ist keine Ausnahme.

STANDARD: Es ist nicht der erste große Rassismus-Vorfall in den USA. In den 1960er-Jahren gab es etwa die Watts-Unruhen, in den 1990er-Jahren den Fall Rodney King. Wie hat sich dadurch die gesellschaftliche Ordnung verändert?

Martschukat: Bis in die 1960er-Jahre existierte eine Art Apartheidsregime, das ist mit der heutigen Situation nicht mehr vergleichbar. Es folgte eine kontinuierliche Verbesserung, hervorgerufen durch die Proteste vieler engagierter Menschen. Heute gibt es eine große, weiter wachsende schwarze Mittelschicht. Trotzdem kann man in den Sozialstrukturen weiterhin eine Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung feststellen. Dies gilt auch in der Verwaltung und ihren Bereichen Exekutive und Justiz. Die USA sind noch lange nicht in einem System der Gleichheit angekommen. In den vergangenen Jahren ist es eher noch schlechter geworden.

STANDARD: Weshalb?

Martschukat: Geht es um soziale Benachteiligung, ist das in den USA oft an die Hautfarbe gekoppelt. Und dort ging in den letzten Jahren die soziale Schere weiter auseinander. Durch die in den 1980er-Jahren implementierte und fortgeführte neoliberale Ordnung ist es zu einer höheren Konzentration von Reichtum gekommen, während die ohnehin schon schwach ausgeprägten Sozialprogramme zuletzt noch marginaler wurden.

STANDARD: In letzter Zeit scheinen sich auch die Rassismus-Vorfälle wieder zu häufen. Ist das tatsächlich der Fall, oder konzentrieren sich nur die Medien verstärkt darauf?

Martschukat: Sicherlich gibt es hier jetzt eine verstärkte mediale Aufmerksamkeit, und das ist auch gut so, um auf diese Fälle hinzuweisen und eine politische Brisanz deutlich zu machen. Auf der anderen Seite wurden nach Ferguson und ähnlichen Fällen Übergriffe von weißen Polizisten gegen junge schwarze Männer genau aufgelistet. Und hier kann man eine ungeheure Kontinuität erkennen, die weit zurückreicht. Historisch kann man das bis ins 19. Jahrhundert und weiter in die Zeiten der Sklaverei zurückverfolgen.

STANDARD: US-Präsident Barack Obama hält sich im Fall Ferguson stark zurück und schickt Justizminister Eric Holder vor. Wieso tut er das?

Martschukat: Barack Obama wurde als Präsident sämtlicher Amerikaner gewählt, und er will sich auch bewusst so gerieren. Er möchte nicht Partei für eine Seite ergreifen. (Kim Son Hoang, DER STANDARD, 6.3.2015)

Jürgen Martschukat (50) ist Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt.

  • Polizisten in Ferguson im Einsatz bei den Unruhen im November 2014.
    foto: ap/charlie riedel

    Polizisten in Ferguson im Einsatz bei den Unruhen im November 2014.

  • Jürgen Martschukat: "Ferguson ist in den USA keine Ausnahme."

    Jürgen Martschukat: "Ferguson ist in den USA keine Ausnahme."

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