Sabine Derflinger und die Schamlosigkeit der "Vorstadtweiber"

8. März 2015, 11:52
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Montag läuft die letzte Folge mit den tolldreisten Damen aus der Vorstadt, Anknüpfungspunkte zu "Shameless", der Lieblingsserie der Regisseurin sind vorhanden

Wien – Die Tochter rückt sich nach dem Quickie den Rock zurecht. Polizei steht an der Tür. Sie bringt den Vater, der wieder einmal stockbesoffen ist. Die Kinder sind nicht sonderlich schockiert. Das Bild ist bekannt. Dass sie darum kein großes Wetter machen, ist Selbstzweck: Im Jugendheim ist’s schlimmer.

"Radikal, gesellschaftskritisch, tolle Dialoge und sehr, sehr lustig", findet die Regisseurin Sabine Derflinger Shameless, jene Serie, die es in der englischen Originalfassung zwischen 2004 und 2013 auf elf Staffeln brachte und die der US-Sender Showtime seit 2011 nicht minder begabt adaptiert.

foto: showtime

Den Totalversagerpapa spielt William H. Macy mit unbestechlicher Abscheulichkeit. Für Derflinger ein genialer Schachzug, die "schrecklichste aller schrecklichen Figuren in den Mittelpunkt zu stellen und nichts zu unternehmen, dass man ihn mag."

Regisseurin von "Tag und Nacht" und "Eine von 8"

Serien schaut die Regisseurin von Filmen wie Tag und Nacht und Eine von 8 am liebsten am Stück, dafür müsse sie sich allerdings "Zeit freischaufeln."

Mit den Augen der Filmerin gefällt ihr, dass Shameless "so nah an den Figuren bleibt und gut in die Auflösung geht und dass man ein heikles Thema in einer lustvollen Art und Weise aufbereitet."

foto: apa / herbert neubauer

Letzteres könnte man auch über ihre Filme sagen: Mit dem "Tatort" gewann sie im vergangenen Jahr den Grimme-Preis.

Die derzeit mit Abstand beliebteste österreichische Fernsehfamilie nimmt kommenden Montag ihr vorläufiges Ende. Die ersten fünf von zehn Folgen der "Vorstadtweiber" hat Derflinger inszeniert. "Shameless" hat Derflinger gesehen, da waren die "Vorstadtweiber" längst abgedreht. Ähnlichkeiten sind dennoch offensichtlich: "Ich habe versucht, ganz klare Figuren zu entwickeln und bezüglich Rhythmus und Tempo genau zu sein." Sie nennt Robert Altman ("Prêt-à-Porter", "Short Cuts") als Bezugsgröße, den Meister der gesellschaftlichen Kaleidoskopie: "Die ,Vorstadtweiber' sind eine voyeuristische Serie. Die Figuren leben in einer Scheinwelt, in der es ganz viel ums Beobachten, ums Spechteln geht."

foto: orf/petro domenigg

Mit den Damen aus der Vorstadt hat sie und Harald Sicheritz, Regisseur der zweiten fünf Folgen, anscheinend einen Nerv getroffen: Die Quote blieb bis zuletzt hoch. Wie erklärt Derflinger den Erfolg? "Dass man in fremde Wohnzimmer schauen will, dass es ein großes Bedürfnis gibt, unterhalten zu werden, dass endlich einmal nicht die Proleten verarscht werden, aber auch dass die Geschlechterfrage so am Höhepunkt zu sein scheint." Die Getöse um den Kampf der Geschlechter zeigt ihr, "in welchen Konventionen dieses Land lebt." Ins Schwärmen kommt Derflinger bei den "lässigen Schauspielern".

Dass die Figuren anfangs allzu sehr in Geschlechter- und Statusklischées verhaftet waren, störte Derflingers Freunde. Inzwischen seien die Reaktionen milder: "Die meisten sind hineingekippt und haben auch verstanden, was es ist: Unterhaltung."

Die zweite Staffel entsteht bereits, Derflinger dreht ab Herbst. Zu sehen sind die neuen Folgen 2016. Ihr nächster Film beweist Derflinges beinahe schamlose Vielfältigkeit: In "Der letzte Himmel über Burma" geht es um eine Kärntnerin, die in Myanmar einen Shan-Prinzen heiratet. (Doris Priesching, DER STANDARD, 6./7.3.2015)

shameless
Offizieller Showtime-Trailer zur fünften Staffel von "Shameless".
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