Neue Schulpolitik braucht neue Köpfe

Kommentar der anderen5. März 2015, 17:07
44 Postings

Nach dem miserablen Evaluationsbericht über die Neuen Mittelschulen ist eines klar: Die österreichische Bildungspolitik braucht neues Personal, wenn es je so etwas wie eine substanzielle Reform geben soll, die diesen Namen auch verdient

Mit dem Evaluationsbericht der Uni Salzburg und des Bifie wird der pädagogische Misserfolg des Modellversuchs Neue Mittelschule (NMS) öffentlich gemacht. Der Rechnungshof hat ja zuvor bereits das organisatorische und finanzielle Schlamassel des Unterrichtsministeriums und das NMS-Lügengebäude der damaligen Ministerin Claudia Schmied umfassend angeprangert.

Jetzt wissen wir, dass die unprofessionelle und unverantwortliche Schulpolitik der letzten Jahre Kinder und Lehrer der Hauptschulen als Versuchskaninchen für ein untaugliches Modell missbraucht hat. Die Schuld liegt eindeutig bei den Regierungsparteien, im Speziellen bei Claudia Schmied und dem ÖVPler Werner Amon, die 2012 trotz aller Warnungen, trotz negativer Daten aus dem ersten NMS-Jahrgang und ohne eine Evaluation abzuwarten die NMS für alle Hauptschulen per Gesetz eingeführt haben.

Gleichzeitig hat die Regierung 2012 auch die bis dahin gesetzlich vorgeschriebene Evaluation beerdigt. Es ist dem Salzburger Bifie zu verdanken, dass trotz des offenen Missfallens der Ministerin Schmied diese Evaluation weiter betrieben wurde und heute überhaupt ein Bericht vorgelegt werden kann. Dieser Widerstand gegen das Lieblingsprojekt der egozentrischen Ministerin hat manchem am Bifie ja auch die Karriere gekostet.

Der vorliegende Evaluationsbericht zeigt, dass die NMS alle von der Regierung in Aussicht gestellten Erwartungen verfehlt hat:

  • Es gibt keinen positiven Leistungseffekt: In allen Überprüfungen und Tests haben die Neuen Mittelschulen nicht besser als die alten HS abgeschnitten, an etlichen Standorten waren die NMS-Ergebnisse sogar schlechter als früher.
  • Es gibt keinen Attraktivitätseffekt: Der NMS laufen seit Jahren die Schüler in Richtung Gymnasium davon, das zeigt die jährliche Schulstatistik. Die Eltern stimmen seit längerem mit den Füßen über diesen Schultyp ab - vor allem dort, wo ein Gymnasium in der Nähe ist.
  • Es gibt keinen pädagogischen Effekt des Team-Teachings im Vergleich zu den bisherigen Leistungsgruppen: Was in der Theorie und auf Papier schön ausschaut, muss in der Schulrealität noch lange nicht funktionieren.
  • Es gibt durch die NMS weder mehr Chancengleichheit noch Chancengerechtigkeit: Auch diese ureigenen sozialdemokratischen Ziele werden durch die NMS nicht besser erreicht.

Alles, was uns die Hochglanzbroschüren der Ministerin für die NMS versprochen haben, ist nicht eingetreten. Das Projekt hat dem Schulsystem aber hunderte Millionen Euro als Ressource entzogen. Und dieser Misserfolg ist für aufmerksame Beobachter auch keine Überraschung mehr:

  • 2012 waren die Probleme im Kern bereits bekannt und die Ministerin auch voll informiert über die schlechten Ergebnisse des ersten vollen NMS-Jahrgangs (2008-2012). Das hat sie nicht abgehalten, ihren überzogenen Werbefeldzug für ihre "Superschule" weiterzuführen.
  • Allen Warnungen der Wissenschafter und der Praxis zum Trotz wurde nicht auf die geplante Evaluation gewartet und die NMS flächendeckend per Gesetz eingeführt. Und die Evaluation sollte schubladisiert oder zumindest um Jahre verschoben werden, das hat das Bifie verhindert.
  • Auch die Ergebnisse der großen Standardüberprüfung 2013 zeigten die Probleme mit der NMS wieder deutlich auf. Aus fadenscheinigen Gründen (" Datenleck") wurde daraufhin die für 2014 festgesetzte Überprüfung in Deutsch am Ende der NMS und der Vergleich mit der HS mehrere Jahre verschoben. Ab 2016 gibt es dann nämlich keine alten Hauptschulen mehr zum Vergleichen, das löst für die Ministerin Heinisch-Hosek das Problem.

Auf den Punkt gebracht: Wider besseres Wissen haben Regierung und uneinsichtige Ministerinnen ihr koalitionäres "Lieblingsprojekt" einfach durchgezogen. Die Versuchskaninchen und Leidtragenden waren die Lehrer und Schüler. Diese Schulen, Lehrer, Schüler und Eltern befinden sich jetzt in einer unangenehmen, teils prekären Situation:

Mehr als 1000 Schulen wurden mit hohem administrativem und finanziellem Aufwand und viel Arbeit vor allem der Lehrer auf einen neuen Schultyp umgestellt, weil versprochen wurde, dass damit wesentliche Vorteile verbunden wären.

Das Schulmodell stellt sich nun amtlich als Fehlschlag heraus, statt Imagegewinns droht nun Imageverlust, und das wird sicher nicht zur Motivation an den Schulen beitragen. Die Enttäuschung wird vor allem bei den Engagierten groß sein - wozu war der ganze Aufwand? Warum sollen Eltern ihr Kind in einen Schultyp schicken, der gerade amtlich bestätigt erhielt, dass er nicht das Gelbe vom Ei ist?

Die Glaubwürdigkeit dieser Unterrichtsminister und ihrer hohen Beamten ist praktisch vernichtet, wem werden Lehrer und Eltern, wem wird die Öffentlichkeit künftig noch neue Hochglanzversprechungen abnehmen? Und vor allem: Sollen und können uns jetzt dieselben Minister, Politiker und Ministerialbeamten, die das gan- ze Schlamassel mitverursacht haben, aus dieser schwierigen Situation auch wieder herausbringen?

Das glaube, wer mag, ich nicht. Eine Neuaufstellung der gesamten Führung ist notwendig. (Günter Haider, DER STANDARD, 6.3.2015)

Günter Haider, Erziehungswissenschafter und Psychologe, war Lehrer in Volks-, Haupt- und polytechnischen Schulen, kehrte 2008 nach fünfjähriger Periode als einer von zwei Direktoren des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) an die Universität Salzburg zurück.

Share if you care.