Irakische Offensive in Tikrit weckt US-Ängste

Analyse6. März 2015, 08:57
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Zwei Drittel der Truppen, die bei Tikrit gegen den "Islamischen Staat" kämpfen, sollen schiitische Milizen sein. Auch der Iran mischt mit. Die USA fürchten, dass aus der Anti-IS-Offensive ein Konfessionskrieg wird.

Bagdad/Wien - Die zu Wochenbeginn gestartete Offensive gegen den "Islamischen Staat" (IS) in Tikrit wird nicht nur zum Testfall für die geplante Rückeroberung von Mossul. Er ist auch eine Belastungsprobe für das US-irakische Verhältnis - und eine politische Bewährungsprobe für das gegen die IS kämpfende Sammelsurium von irakischen Sicherheitskräften und Milizen. Denn ihr Verhalten in befreiten Gebieten könnte darüber entscheiden, ob die unter IS-Herrschaft lebenden Sunniten zur Regierung in Bagdad wieder Vertrauen fassen.

Zwar sind auch einige sunnitische Stammesmilizen in den Kampf gegen die IS in der Region um Tikrit eingebunden. Aber die Szene wird dominiert von irakischen schiitischen Milizen - den altbekannten wie Badr, aber auch neuen "Volksmobilisierungskräften" -, die ihren Anteil laut New York Times selbst auf zwei Drittel der 30.000 Mann, die auf Regierungsseite kämpfen, beziffern.

Soleimani an der Front

Dass die irakische Armee bei der Operation die erste Geige spielt, ist wohl eine Illusion. Denn da ist auch noch der iranische Beitrag. Der iranische Al-Quds-Kommandant Ghassem Soleimani - dessen Anwesenheit vor kurzem noch aus Südsyrien gemeldet wurde -, soll ebenfalls an der Front sein, so wie laut dem Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, auch andere Kämpfer der iranischen Revolutionsgarden.

Die USA befürchten, dass viele Sunniten - nicht nur um Tikrit - die Offensive als schiitische antisunnitische Operation einstufen. Sie nehmen an der Offensive deshalb nicht mit Luftangriffen teil, sondern überlassen das der irakischen Luftwaffe.

Das verstärkt den - in der arabischen Welt weitverbreiteten - Eindruck, dass die USA ihren Kampf gegen die IS ohnehin nicht ernst meinen. Aus dem Irak sind Stimmen zu hören, dass man angesichts der iranischen Unterstützung - anders als von den USA auch auf dem Boden - die Amerikaner nicht brauche. Die Verstimmung begann, als die USA die Ankündigung eines eigenen Armeevertreters zurücknahmen, die irakische Armee sei im April oder Mai so weit, die Offensive zur Befreiung Mossuls zu eröffnen.

Im Irak richtet sich die Aufmerksamkeit nun darauf, was in der Ortschaft Albu Ajil passiert, gegen die die irakische Regierungskoalition am Donnerstag vorrückte, so wie auch auf das Dorf Alam. Während Alam als IS-feindlich gilt, wurden Stammessunniten aus Albu Ajil beschuldigt, am Massaker an mehr als 1500 meist schiitischen Kadetten nach der Eroberung der Tikrit Air Academy (US-Militärbasis Camp Speicher) durch die IS im Juni 2014 teilgenommen zu haben. Wenn schiitische Milizen an der Zivilbevölkerung in Albu Ajil Rache dafür nehmen, könnten sich manche Sunniten in der Region einmal mehr für den "Islamischen Staat" und gegen Bagdad entscheiden.

Regierungschef Haidar al-Abadi, aber auch der höchste schiitische Geistliche des Irak, Ayatollah Ali Sistani, haben die schiitischen Milizen wiederholt dazu aufgerufen, Übergriffe auf Sunniten zu unterlassen. Es werden aber immer wieder Vorfälle gemeldet: Der schlimmste war die Erschießung von 72 unbewaffneten sunnitischen Zivilisten im Dorf Barwana im Jänner. Viele Schiiten bezeichnen die Meldung jedoch als antischiitische Gräuelpropaganda.

Saddam Husseins Grab

Tikrit ist für viele Schiiten auch deshalb ein emotionales Thema, weil in der Nähe, im Dorf Awja, Saddam Hussein geboren und nach seiner Exekution Ende 2006 begraben wurde. Awja wurde bereits im August 2014 von schiitischen Milizen eingenommen, die Saddams Grab - das sich zur Pilgerstätte entwickelt hatte - verwüsteten. Sein Stamm Albu Nasir hatte die Leiche jedoch zuvor an einen unbekannten Ort gebracht. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 6.3.2015)

  • Schiitische Badr-Milizen nahe Samarra. Viele Sunniten fürchten sie genauso wie den "Islamischen Staat".
    foto: apa/epa/mohammed

    Schiitische Badr-Milizen nahe Samarra. Viele Sunniten fürchten sie genauso wie den "Islamischen Staat".

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